Freitag, 8. April 2016

Scrum und Eigenverantwortlichkeit

Heute im HR-Manager gelesen:

"Viele haben verlernt eigenverantwortlich zu arbeiten"

Das mag sein. Dann kommt aber:
Scrum stellt ein Managementframework dar, dessen Kernaspekt sich dadurch auszeichnet, dass ein iteratives Vorgehen stattfindet und die Entwicklungsprozesse schlank und transparent sind. Zudem arbeiten die Teammitglieder selbstorganisiert, wobei sie stets ändernde Rahmenbedingungen berücksichtigen, sich ständig neu ausrichten und regelmäßig hinterfragen, wie Prozesse beziehungsweise Arbeitsweisen noch besser umgesetzt werden können. Scrum bringt die Mitarbeiter in eine offenere Form der Interaktion und Kommunikation und setzt ständige Feedbackschleifen und einen Veränderungswillen voraus.

*seufz*. Halbwahrheiten sind echt gefährlich. Noch  gefährlicher sind Schlußfolgerungen aus Halbwahrheiten.
  • "Zudem arbeiten die Teammitglieder selbstorganisiert"
    Halte ich für sprachlich ganz dünnes Eis. Scrum betrachtet das Individuum so gut wie gar nicht, es geht fast immer nur um das Team als Ganzes. In  Scrum arbeitet das Team selbstorganisiert. Das einzelne Teammitglied ist nur insofern relevant, als es die Teamziele verfolgt.
  • "... und setzt ständige Feedbackschleifen und einen Veränderungswillen voraus"

    Genau da ist der Knackpunkt. Eigenverantwortlich arbeitende Individuen mit individuellem Gestaltungswillen sind in Scrum nicht willkommen. Scrum erforderte volle Team und Zielorientierung mit weitreichender Unterordnung persönlicher Ziele.
Nachdenken, im eigenen Rhythmus selbstbestimmt arbeiten ist nur innerhalb eines extrem eng gestecken Rahmens vorgesehen. Scrum nämlich kennt zwei Arbeitsmodi: Abarbeiten der --vom Team gemeinsam bestimmten-- Task-Liste und Erarbeiten von neuen Teamzielen.

Zwei Mechanismen sind hier hochproblematisch
  • "Druck von oben" (Arbeitaufträge) wird durch "Druck von der Seite" (Teammitglieder, Zielerfüllung) ersetzt.
  • Dauernde Anpassung und Berichterstattung wird Teil der Handlungskultur. Persönliche Autonomie gibt es nur noch stundenweise bei der Abarbeitung eines Tasks.
Scrum opfert individuelle Zeiteinteilung, selbstbestimmtes Arbeiten des Einzelnen noch weiter zugunsten von ganzheitlicher Teamarbeit, verstärkter Aufgabenzerkleinerung und erhöhter Umplanbarkeit. Hierbei setzt es ausdrücklich den Fokus auf möglichst kurze Umplanungsfristen (Sprints).

Was dem Einzelnen bleibt ist  eine größtenteils fremdbestimmte TODO-Liste mit täglicher Gegenkontrolle durch gleichgestellte Teammitglieder.
Wenn das für Sie nicht stressig ist, dann Glückwunsch: Sie haben ein gutes Team, gute Product-Owner und ausschließlich Personen mit der richtigen Persönlichkeitsstruktur. In solchen Szenarien kann Scrum  offenbar außerordentlich effizient sein.

Auif der andere Seite: Was sind die größten Belastung für IT-Mitarbeiter?
  • Kleinteilige Arbeiten ohne (gewünschten) Blick auf das große Ganze
  • Verlagerung von Verantwortung auf Mitarbeiter ohne dass diese entsprechende Handlungsfähigkeiten haben.
Scrum beschimpft eigenverantwortlich Arbeitende regelrecht: Submarines, Silos, Cowboys. There's your problem ...

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