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Montag, 11. April 2016

Cog Development

Wissen Sie, wie desinteressiert Manager/Unternehmensberater an den Arbeitsbedingungen der "breiten Masse" sind, die letztendlich die Arbeit machen muss?

Etwa so: Auf 6 Seiten lobt Oliver F. Nandico von capgemini die "Industrialisierung" der Software-Entwicklung. Schneller, planbarer, optimierbarer. Gleichzeitig gibt er auch an, dass die Wertschöpfungstiefe bei der Entwicklung heute reduziert ist. Entwicklung ist aus der Sicht der Unternehmen zwar notwendig, aber weniger Wert als früher.

Von ihm unerwähnt, aber beobachtbar steigen die Anforderungen an die Entwickler, denn Systeme werden trotzdem immer komplexer. Dennoch soll Software Entwicklung ein wiederholbarer, standardisierter, arbeitsteiliger Prozess werden/sein.

Einziges Wort über die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf den einzelnen: Jeder kann nur noch seinen Spezialbereich betrachten und reicht in diesem nach einem Standardprozess seine Leistung an die nächste Stufe der Pipeline weiter. Übrigens ist diese Aussage nicht richtig, denn moderne agile Entwicklungsprozesse wollen ja gerade die Spezialisierungen reduzieren, sogenannte "Silos" abschaffen. In einem Scrum Team zum Beispiel soll am Besten jeder alles können.

Ich nenne das Kind jetzt beim Namen: Der einzelne Entwickler wird zu einem Zahnrad in einem Produktionsprozess. Wenn er nicht mehr mithält, ist er schnell austauschbar.

Diese Reduktion des Werts der eigenen Arbeit soll er mit zunehmenden Soft-Skills ausgleichen. Es findet ein dreifacher Schlag ins Gesicht statt:

Man erwartet mehr vom Arbeiter,  erhöht den Druck. Gleichzeitig sieht man seine/ihre persönliche Arbeitsleistung als zunehmend wertlos an. Dennoch wird vom ihm/ihre erwartet, dass er/sie sich lächelnd und mit vollem Eifer in (immer stärker de-individualisierend organisierte) Team-Arbeit stürzt, die ihn/sie noch austauschbarer macht.
Was da stattfindet ist (O-Ton verdi) eine Industrialisierung der Wissensarbeit, eine Entwertung Hochqualifizierter.

Sie wundern sich über den Fachkräftemangel? Genau da wird er produziert: Durch globalisierte Reduktion hochqualifizierter Menschen auf Fließbandarbeiter. Und wie Fließbandarbeiter gehen diese langsam aber stetig kaputt. Es entstehen enorme Konflikte zwischen dem Selbstverständnis der Betroffenen und den Anforderungen, die an sie gestellt werden.

Die Wissensarbeit verlangt hohen, persönlichen und mentalen Einsatz. Eine Distanzierung ist enorm schwierig. Die Arbeitszeiten sind allein schon deswegen aufgeweicht, weil das Hirn bei den meisten nicht mehr die Gelgenheit erhält, herunterzuschalten.
Zeitgleich wird der Einsatz der Betroffenen mit neuen Managementmethoden systematisch entwertet. Die Industrie hat sich eine Burnout-Mühle gebaut in der Hochqualifizierte in einem "Burn Down" nach dem anderen verheizt werden. Für das Unternehmen funktioniert das, denn Wissen geht ja erst verloren, wenn das gesamte Team weg ist.

Viele auf der Management-Ebene denken wohl leider so wie Herr Nandico und artikulieren nur äußerst begrenztes Verständnis für diese Probleme. Andere, die ihre Mitarbeiter lieber besser behandeln möchten, fühlen sich gegenüber dem Konkurrenzdruck und dem zunehmendem (sinnlosen) Änderungstempo der Industrie zunehmend hilflos.

Denn es wird etwas verlangt, was der Kapitalismus nur äußerst schwerlich kann: Kurzfristige Ausbeutung zugunsten längerfristiger Perspektiven zu begrenzen. So auch hier: Anstatt den Preis zu zahlen und die Prozesse umzudenken, jammert man über Fachkräftemangel. Der globale Kapitalismus dreht sich (vielfach sinnlos und äußerst ineffizient) in einem immer schneller werdenden Kreis, der vormals leistungsfähige Personen wie aus einer Wäschetrommel herausschleudert.

Die Industrie wundert sich, dass es einen Fachkräftemangel bei den Software-Entwicklern gibt? Ich nicht ... man hat den Betroffenen jahrelang gedroht, sie auszulagern, wenn sie nicht effizienter arbeiten. Man hat ihnen jahrelang die Gestaltungsfreiräume mehr und mehr beschnitten. Man hat Ihnen zunehmend die Job-Sicherheit genommen, die eigene Austauschbarkeit vor Augen gestellt und selbige massiv gefördert. Gleichzeitig hat man Ihnen immer mehr unternehmerische Verantwortung aufgedrückt, ihre Arbeit (vermeintlich) messbarer gemacht und damit letztendlich den Druck an allen Stellen erhöht. Flankiert wird das Ganze von einer immer größer werden technischen Komplexität, zu deren Beherrschung die Werkzeuge oft fehlen. Systeme haben oft gar keine Zeit mehr sich zu etablieren und zu bewähren, weil schon das nächste "Ding" nachgeschoben wird.

Jetzt will keiner mehr in die Software-Entwicklung. Zu Recht! Kein einziger der Prozesse ist darauf ausgerichtet, den Wert des Einzelnen auch nur in Betracht zu ziehen und zu fördern. Überall kommen die Arbeitenden fast nur als Randbemerkung vor. Ohne Menschen geht in der IT aber gar nichts ...

Menschen über Prozesse? Das gut gemeinte agile Manifest wurde von Scharen von Managern und Beratern längst zu einer neuen Stufe der Menschenverachtung umgebaut. Agile heißt dort vor allem:
Du bist jeden Tag Rechenschaft schuldig, Dein Team ist alles, Du bist nichts.
Doch man merkt auch, dass das nicht funktioniert: Dr. Stefan Barth hat im Projektmagazin schon vor einiger Zeit formuliert: "Jedes Agile Team braucht einen Lead-Entwickler". Zwischen den Zeilen ist das die Abkehr vom selbst-organisierten, sich gegenseitig gleichberechtigten Team. Eben jenes existiert ohnehin nur in Ausnahmefällen und da vermutlich sogar nur zeitweise.

Jetzt fordert man also einen Lead-Entwickler, der den anderen mit sowohl fachlicher Kompetenz als auch bester Kommunikationsfähigkeit als Vorbild fungiert.

Und was ist dessen Aufgabe: Er soll dem Sauhaufen an Ungeplantheit, den der Product Owner und das Team nach der Sprintplanung gemeinsam als Planung hinterlassen seinen Stempel aufdrücken. Er soll Aufgaben verteilen, bzw. wenigstens helfen das Team zu strukturieren! Plötzlich dürfen auch Spezialisten wieder Spezialisten sein, denn der Lead Developer sortiert den Kram dann schon, dass eben jeder das machen kann, was er am Besten kann. Ganz wichtig ist aber, dass der Lead Developer nicht der "Code Owner" ist, denn sonst ist man ja nicht mehr agil.

Herzlichen Glückwunsch, sie haben jetzt "klassische" iterative Entwicklung. Der Lead-Developer macht jetzt den ganzen Tag nichts mehr, als die Änderungen seinen Teams zu mergen und ggf. Patches mit "Mach das nochmal, mach das anders" zurückzuschicken. Merken Sie was?!? Das Brooks Surgical Team ist wieder da!

Es gibt die Scrum-Herde einfach nicht, die in den feuchten Träumen der Agile Coaches vorkommt. Gottseidank!

Mal abgesehen davon, dass es die eierlegende Wollmilchsau "Lead Developer" auch nicht geben wird: Die Agile-Leute werden Zeter und Mordio schreien. Denn für Scrum-Fetischisten darf niemand "zuständig" sein, denn Scrum läuft nur bei Friede, Freude und totalem Teamgeist. Da darf keiner  Spezialisierungen haben, denn dann ist er ja nicht mehr im Team.

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