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Donnerstag, 25. Februar 2016

Die Vorstellung ist gegenseitig


Sehen wir es, wie es ist: Der Begriff Vorstellungsgespräch geht vor allem davon aus, dass sich der Kandidat dem Arbeitgeber vorstellt. Dieser nimmt sich dann --meist mit mehreren Personen-- Zeit die Kandidaten zu in Bezug auf dessen Fähigkeiten und Passgenauigkeit zu beurteilen.

Das liegt daran, dass wir davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt  ein Anbietermarkt ist. Arbeitgeber sind es gewohnt, dass es mehrere Bewerber für eine Stelle gibt und sie sich den geeignetsten aussuchen können.

In einigen Bereichen wandelt sich der Anbietermarkt (ob das überhaupt ein "Markt" ist, sei sowieso dahingestellt) in einen Nachfragermarkt. Und spätestens damit stellt sich beim Vorstellungsgespräch auch dem potentieller Angestellten vor. Doch das ist offenbar nicht bei allen angekommen.

Was ich --so nebenbei-- schon erlebt habe:

  • Bekanntes: Bewerbung wird abgelehnt, es gab einen besser zu den Anforderungen passenden Bewerber. Stelle ist zwei Tage später wieder neu ausgeschrieben. Wann das ohne Bösartigkeit vorkommt: Der besser passende Bewerber hat abgesagt. Schlecht für die Firma, jetzt hat man schon potentiell gute Leute durch das (nicht immer korrekte) Vor-Aussieben schon mal vergräzt. Das ist leider unternehmerisches Risiko.
  • Teamleiter, die einem vermitteln, man wäre ausschließlich ein Satz von fachlichen Fähigkeiten, der sich einzubringen und anzupassen hat.

    Meiner Erfahrung nach kommt dieses Problem vor allem bei allzu in Technologie- oder Prozessdenken verhafteten Personen vor. Da wird zuerst gedacht, wie das Gegenüber in bestehende Prozesse passt und welchen Beitrag es leistet. Die Person selbst vergessen diese Leute gerne.

    Allzu deutlich ist mir das bei (vermeintlich) agilen Teams geworden. Da wird plötzlich auf formale Kommunikation (daily, jour fix) gepocht. Agile auf die Fahnen geschrieben? Ja Agile verstanden? Nein: Individuals and interactions over processes and tools
  • Termine für Bewerbungsgespräche werden kurzfristig verschoben. Der Hinweis auf genommenen Urlaub, gebuchte Fahrkarten wird achselzuckend zur Kenntnis genommen. Gut, dass passiert schon mal, aber so ganz professionell ist das nicht. Wenn man erst im Nachhinein erfährt, dass Fahrtkosten sowieso nicht übernommen werden, dann ist das aber leider rechtswidrig und so gar kein Aushängeschild für den Arbeitgeber, sondern eher ein Fall für die schwarze Liste.
  • Gerne werden auch mal hochqualifizierte, erfahrene Personen wie totale Anfänger behandelt. Ich vermute, das passiert vor allem dann, wenn die Arbeitgebervertreter den Kandidaten für zu forsch oder zu arrogant halten.

    Die Kehrseite: Man vergräzt gute Leute, weil man vielleicht zwischen den Zeilen was liest, was nicht da ist. Live erlebt: Der Versuch einer Problemanalyse wird damit geblockt, dass man sich auf das Nachfragen nach Wissen über die eingesetzten Werkzeuge versteift. Diese Methode, dem Kandidaten im Vorstellungsgespräch gleich mitzuteilen, dass man sowieso nur der Arbeitssklave sein wird, wirkt sehr motivierend und zeugt von guter Führungskultur. Doppelbindungsalarm: Teamwork fordern, aber dem Kandidaten zu verstehen geben, dass er Bittsteller um eine Stelle ist. Da ist die lockere Stimmung im folgenden Gesprächsteil garantiert.
Auch nicht ganz so offensichtlich respektloses Verhalten von Arbeitgebern finde ich hochproblematisch. Aber wie gesagt: Man stellt sich schließlich auch mir vor.