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Sonntag, 1. November 2015

Sind IT-Jobs prekär?

Fachkräftemangel war in den letzten Jahren einer großen Jammerpunkte der technik-lastigen Industrie. Sehr viel wurde und wird gejammert, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland nicht die nötigen Fachkräfte hergibt und deshalb sehr viele Firmen nicht so effektiv arbeiten könnten, wie sie möchten.

Das ist übrigens kein deutsches Problem. In den USA ist das Konzept als "skilled worker shortage" (übersetzt wunderbar direkt zu Fachkräftemangel) bekannt.

Die gemalten Szenarien drücken auf die Tränendrüse:  Es kommt zu Überlastungen von bestehenden Mitarbeitern. Das große Schreckgespenst ist die Auftagsablehnung, wenn also nicht genügend Kapazitäten da sind, um einen (lukrativen) Auftrag zu bearbeiten, weil man nicht genügend qualifizierte Leute hat.

Auf der Gegenseite stehen arbeitslose Ingenieure und arbeitnehmernahe Verbände, die letztendlich nur sagen: Das Problem ist hausgemacht. Zu niedrige Löhne, zu wenig Investition in Aus- und Weiterbildung.

Wie sieht das in der IT-Welt aus?

Stumpf und direkt: Einen "allgemeinen Mangel an Fachkräften" gibt es wohl nicht. Was schon eher zutrifft, legt die Studie der gemeinnützungen CompTIA nahe: Es gibt eine Divergenz zwischen geforderter und vorhandener Qualifikation. Oder auf angelsächsisch: eine IT Skills Gap (Februar 2012):
  • 93% der Arbeitgeber (in den USA) geben an, dass es eine Lücke zwischen den gewünschten und den vorhandenen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter gibt.
  • 30% sind der Meinung die Lücke zwischen Anforderungen und Fähigkeiten ist in der IT deutlich größer als in anderen Bereichen.
Was sind die vermuteten Gründe?
  • 46% der Arbeitgeber geben an, dass einer der Hauptfaktoren sich schnell ändernde Technologien sind, so dass IT-Beschäftigte Schwierigkeiten haben, das eigene Wissen dauerhaft dem aktuellen Stand der Technik anzupassen.
  • 43% geben an, dass zu wenige Resourcen (welche Art auch immer) zur Verfügung stehen, um IT-Mitarbeiter adäquat fortzubilden.
  • 39% geben an, dass Training/Ausbildung nicht in entsprechende Arbeitsleistung abgebildet wird.
  • 29% geben an, dass die Bezahlung zu gering ist, um eine entsprechende Ausbildung zu gewährleisten.
Halten wir also fest: Laut Meinung der Arbeitgeber bewegt sich die IT längstens schneller als die Fortbildung der Mitarbeiter, die Weiterbildung wird nicht ausreichend gefördert und die Budgets sind oft zu klein. Hört sich nicht gut an, aber das wahre Problem ist meiner Ansicht nach nicht die Innovationsgeschwindigkeit. Dazu aber weiter unten mehr.

Offenbar beklagt aber die IT einen Mangel an qualifizierten Leuten. Wenigstens auf der Arbeitsameisen-Ebene zieht es keinen so wirklich in die IT. Das liegt in dem Fall aber daran, dass man die entsprechenden Berufe gar nicht auf der Kandidatenliste sieht. Doch wenn man hinhört (oder ein paar Studien liest), dann sollten vielleicht auch alle anderen der IT-Branche besser fernbleiben.

Empfunden schlechte(re) Arbeitsbedingungen

Lesen wir hierzu die Ergebnisse einer Online-Befragung des Rhein-Ruhr-Instituts (für Sozialforschung und Politikberatung, RISP). Die Befragungen fanden im Zeitraum zwischen Dezember 2009 und Januar 2010 statt.
  • Über die Hälfte der IT-Beschäftigten klagt über mangelnde Freizeit
  • Etwa derselbe Anteil gibt an, dass ihre Arbeit nicht so organisiert ist, dass Stress nicht übermäßig werden kann.
  • Über 30% sind deutlich der Meinung, dass sie ihren Aufgaben nicht bis zur Rente nachkommen können, sofern die Arbeitsanforderungen konstant bleiben.
  • 8% haben klagen über ständige Erschöpfung (ein Burnout-Indikator), weitere 28% haben häufig anhaltende Erschöpfungszustände. Mehr als die Hälfte gibt an, dass diese Beschwerden eindeutig arbeitsbedingt sind.
  • IT-Beschäftigte haben ein viermal so hohes Risiko, eine Belastungsdepression (Burnout) zu entwickeln wie die durchschnittlichen Arbeitnehmer.

Die psychischen Belastungen in der IT haben enorm zugenommen. Termindruck, Zeitdruck, zunehmend kleinteiligere Arbeit mit hoher (Integrations-)Komplexität mit abnehmender Einflussnahmemöglichkeit auf das Gesamtprodukt. Es wird auch zunehmend "industrialisiert", also mehr auf formale (Entwicklungs-)Prozesse gesetzt. Man könnte sagen, die Zeiten, in der Arbeit in der IT weitestgehend eine selbstbestimmte Tätigkeit war, neigen sich dem Ende entgegen.

Ob es den prozesstreuen Wissensarbeiter wirklich gibt, sei allerdings mal dahingestellt. Die Tatsache, dass die zunehmende Prozessorientierung von den Betroffenen als negativ empfunden wird, spielt beim Management offenbar keine so große Rolle.

Genauso wenig sieht man offenbar auch, dass Unternehmen sehr wohl für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter verantwortlich sind. Aber wo die Bildschirmarbeitsplatzverordnung vielleicht noch überprüft wird, da ist das Verständnis und das Bewusstsein für psychische Probleme oft ganz, ganz weit weg. Eher gibt es die alte Männlichkeits-Schiene (auch bei Frauen), wo lange Arbeitszeiten von Leistungswillen und der Burnout von persönlicher Schwäche und geringer Belastbarkeit zeugen.

Das Problem mit den psychischen Belastungen ist leider: Sie sind schwer greifbar, für manche Gemüter gar völlig  unverständlich und sie sind vor allem hochgradig individuell. Was den einen nicht total kalt lässt, kann einen anderen mehrere Monate am Rad drehen lassen. Wobei das bei einem anderen Problem völlig umgekehrt sein kann.

Hinzu kommt, dass die Faktoren, die zu einer depressiven Erkrankung gehören nicht endgültig geklärt sind. Da gibt es sicher genetische Faktoren, es gibt Auslöser in der Persönlichkeitsstruktur, es gibt Risikoaspekte in der sozialen Umgebung und, und, und ....

Die Zahlen legen zwei Dinge nahe: Entweder ist die Arbeit in der IT ein Risikoberuf. Dann ist der "Burnout" allerdings eine Berufskrankheit und es liegt an den Arbeitgebern hier mit aller Vehemenz Vorbeugung zu betreiben.

Oder sind IT-Fachkräfte eine Risikogruppe, sind sie also aufgrund ihrer Persönlichkeitsstrukturen anfälliger für psychische und psychosomatische Erkrankungen?

Dazu aus derselben Studie wie oben:
  • 49% der Befragten sind ledig
  • dieselbe Anzahl hat keine Kinder, ist also alleinstehend.
  • 80% der Befragten sind Männer
  • fast 70% achten nicht darauf, sich nicht selbst zu überfordern.
Den Grund bleiben die Studien, die ich gelesen habe schuldig. Es ist nicht klar, warum ITler sich offenbar (selbst) so gängeln (lassen), dass sie regelrecht krank werden. Liegt es an mangelndem Selbstbewusstsein?  Liegt es an der Verinnerlichung des Dienstleistungsgedankens? Oder liegt es an der übermässigen Identifikation mit der Arbeit? Muss man viele ITler quasi vor den eigenen Interessen schützen?

Was klar sein sollte ist, dass der Arbeitsbereich es ermöglicht, dass die Betroffenen sich andauernd selbst überfordern. Arbeit ist in der IT fast immer nach "oben offen", d.h. es geht immer, mehr, schneller, besser.

Die Umgebung vermittelt den Betroffenen nun auch dauernd, dass es trotzdem nicht genug ist. Man muss nicht mit der gesamten Welt konkurrieren, sondern auch noch gleichzeitig weiterlernen, um immer besser zu werden. Wer nicht besser wird, bleibt stehen und Stillstand ist Jobverlust. Phase 2 bis 5 eines Burnouts sind dann nicht mehr so weit weg.

Vermutlich fördern die Strukturen in vielen Unternehmen das dauerhafte Arbeiten an der Leistungsgrenze auch noch zusätzlich. Denn die Strukturen, in der Software entwickelt wird, können tatsächlich regelrecht unwürdig sein und sind es wohl auch oft.

ROWE-Hölle 

Das findet sich auch in der RISP-Studie wieder. Beschäftigte werden für die Erreichung von Zielen verantwortlich gemacht, die sie mit ihren Resourcen gar nicht umsetzen können. Sie können ihre Arbeit in dem gesteckten Rahmen oft gar nicht schaffen, sind aber für das Ergebnis trotzdem voll verantwortlich.

Es gibt bis heute kein Verfahren, mit dem zuverlässige Aufwandsabschätzungen in der Softwareentwicklung möglich sind. Ein kleines Detail kann --oft in Kombination mit anderen Anforderungen-- plötzlich den Aufwand für das Gesamtsystem (mehr als) verdoppeln. Gleichzeitig wird in der IT immer noch faktisch nie nach tatsächlichen Aufwand projektiert, sondern immer nach der völlig unzuverlässigen Aufwandsschätzung.

Und dann sind da noch die Festpreisprojekte, die natürlich an den niedrigsten Bieter ausgeschrieben werden. Diese arten nach einem Artikel in Dr. Dobbs oft zu fixed everything Projekten aus, in denen sowohl die Anforderungen als die Bezahlung bereits vor Projektbeginn festgelegt werden. Da die notwendige Aufwand aber eine sehr unzuverlässige Schätzgröße ist, hat das Resultat derartiger Praktiken auch einen Namen: Death March, Todesmarsch für die Entwickler bis zur völligen Erschöpfung. Man kann auch Sklaventreiberei sagen.

Und so manche IT-Dienstleister können oder wollen es sich offenbar nicht leisten, einem Kunden, der derartig menschenunwürdige Anforderungen stellt, schlichtweg in den Wind zu schießen.

In den USA (und vermutlich auch bei uns) bejammert man inzwischen, dass IT Projekte mit Schattenpuffern geplant werden, dass IT-Dienstleister teilweise keine Hemmungen haben, gegen Projektende eine Nachzahlung regelrecht zu erpressen. Ich frage mich, ob dies nicht ein Zeichen einer Unternehmenslandschaft ist, in der IT-Dienstleister zu derartigen Mitteln greifen, um überleben zu können. In die Ecke gedrängte Tiere beißen, in die Ecke gedrängte Unternehmen und Entwickler betrügen ihre Kunden.

Wenn man etwas zynisch sein will: Aktuelle Zustände in der IT hören sich teilweise an wie eine dystopische Variante eines  Results-Only Work Environment in Reinkultur.

Hamsterrad

Es sieht auch so aus, als würde das Arbeiten in der IT-Branche immer mehr zu einem Marathon im Hamsterrad. Immer neue Technologien kommen in immer schnellerer Folge auf den Markt.

Aber gerade da, wo sich am meisten bewegt: Im Web, in der Cloud, dort wird am wenigsten zusammengearbeitet. Offenbar um überhaupt Profite  zu machen, positionieren sich Anbieter mit immer neuen Angeboten und (inkompatiblen) Features gegenüber der Konkurrenz. Einige Unternehmen verkaufen das als Produkt, was mehr oder weniger eher als Programmprototyp zur Lösungsfindung durch die Programmierer gelten sollte. Der Begriff "Lean Startup" sagt übrigens genau das aus: Erst schnell hinfrickeln, um Resultate vorweisen zu können und erst "später" richtig machen.

Das Resultat nennt der Anglo-Amerikaner "churn", das in informierten Entwicklerkreise fast ausschließlich negativ konnotiert ist. Churn, das ist die Rate, mit der sich Dinge ändern, mit der Produkte, Bibliotheken und ganze Softwarestapel ausgetauscht werden (müssen). Dabei ist das "neue" keineswegs das "bessere", sondern oft meistens einfach nur "anders". Churn, das ist faktisch immer Bewegung statt Fortschritt.

Statt ausgereifter Lösungen zählt die "Time To Market". Die Folge ist ein Markt, der hunderte, wenn nicht tausende halbgarer Technogien bereithält, die alle versprechen, schneller, effizienter und billiger zu sein. Doch die Bürde, den Umgang diesen Technologien zu lernen und sie einzusetzen, bleibt fast ausschließlich an den Beschäftigten hängen. Die meisten der "neuen" Technologien erhöhen die bereits vorhandene Komplexität und erschweren die Entwicklung eher, als sie sie erleichtern. Die Komplexität steigt, aber die Möglichkeiten zur Verwaltung der Komplexität werden nicht im selben Maße größer.

Und damit sind wir wieder beim ersten Problem: Es zählt das Resultat, nicht der zur Erreichung des Ergebnisses erbrachte Aufwand.

Auf der Strecke bleiben die, die mehr arbeiten müssen, um die stark erhöhten Anforderungen in kürzerer Zeit zu erreichen.  Das System macht sich selbst kaputt. Und produziert jetzt schon eine immer größere Welle Ausgebrannter, die einfach nicht mehr können. Doch ändern kann das wieder so wirklich keiner. Die IT ist eine durch und durch globale Industrie. Wenn Deutschland verbindliche Richtlinien zur Gesundheitsvorsorge in der IT einführt, wandern die Tätigkeiten in andere Länder aus. Das ist auf kleinerem Niveau längst passiert: Unternehmen mit starken Gewerkschaften lagern ihre IT-Entwicklung längst aus und für die Arbeitsbedingungen bei den Dienstleistern ist man ja nicht verantwortlich ...

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