Freitag, 24. Juli 2015

Wie schade ich ...

Was hier im Blog an Suchanfragen aufschlägt ist manchmal ganz belustigend, manchmal aber auch ein Grund zum Nachdenken. Eine häufiges Suchmuster ist nämlich
  1. Wie verletze ich einen ...?
  2. Wie bringe ich einen ... dazu, dass er/sie ... sein schädliche Verhalten einsieht?
Mit "..." wahlweise "Narzisst", "Soziopath", "Borderline", "Perverser", etc. pp.

 

Wie bringe ich einen ... dazu, dass er/sie ... sein schädliche Verhalten einsieht?

Gar nicht. Warum? Dazu erst einmal ICD-10 2015, Kapitel 5:

Die [...] Persönlichkeitsstörungen [...] sind tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Sie verkörpern gegenüber der Mehrheit der betreffenden Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen. Solche Verhaltensmuster sind meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychologischen Funktionen
Kürzungen und Hervorhebungen von mir. 

Hinzu kommt, dass es bei den benannten Persönlichkeitsstörungen oft die fast die gesamte Oberfläche der Störung um Abwehrmechanismen dreht und/oder diese Mechanismen ich-synthon sind. Das heißt, dass
  • jeder Konflikt unbewusst, durch verinnerlichtes, verqueres Denken im Kopf der Betroffenen so verdreht (abgewehrt) wird, dass erst keine Kritik an der eigenen Denkweise (nicht unbedingt am eigenen Verhalten, aber an der eigenen Situationseinschätzung) entsteht.
  • das problematische Verhalten als Teil der eigenen (unveränderlichen) Persönlichkeit angesehen wird. Würde man das Denken oder das Verhalten ändern, würde man ja sich selbst ändern, und das ist für die Betroffenen entweder ganz unvorstellbar oder eine unglaubliche Horrorvorstellung.
Es braucht oft monatelange oder jahrelange Therapie, bis die Betroffenen erst einmal verstehen können, wie ihr eigenes Verhalten entsteht, sie müssen die Selbsteinschätzung (und oft auch die Einschätzung von anderen) teilweise komplett umlernen. 

Um eine Analogie aufzumachen, die die Schwierigkeit des Problems vielleicht erklärt: Die Betroffenen müssten nicht nur eine andere Sprache komplett neu erlernen, sondern auch gleichzeitig ihre Muttersprache verlernen.

Hinzu kommt, dass es manchmal auch gar keinen Leidensdruck gibt, denn für die Betroffenen funktioniert ihr Verhalten (gerade bei Narzissten und Soziopathen) ja hervorragend. Bei Soziopathen darf man sich zusätzlich noch die Frage stellen, ob dort überhaupt die angeborenen Gehirnverdrahtungen vorhanden sind, um ein "normales" soziales und emotionales Denken zu entwickeln.

Die Erfolgsaussichten tatsächlich gestörte Personen zum "Umdenken" zu bringen sind in dieser Hinsicht also mehr als nur gering. In jedem Fall sollte man sich kurzfristig keine Änderung erhoffen.

Wie verletze ich einen ...?

Ich verstehe das sehr gut. Man wurde von dieser rücksichtslosen Person mehr oder weniger mental (oder auch physisch) vergewaltigt. Den Täter scheint das aber überhaupt nicht zu interessieren, viel mehr scheint er seine Machtausübung eher noch zu genießen.

Das Bedürfnis, dem Täter dann langsam und qualvoll möglichst viel und lange Leid zuzufügen ist da mehr als nur verständlich.

Dass man mit bissigen Kommentaren oder gar bösartigen Handlungen keinen Erfolg zu haben scheint, und das Gegenüber auch nach der gemeinsten Äußerung oder Handlung ziemlich unberührt wirkt, macht alles noch viel, viel schlimmer.

Die "Racheaktion" war  dazu gedacht, dass man sich nicht mehr so klein und hilflos vorkommt, aber sie lief völlig ins Lehre.  Man hat versucht, das wenige bisschen an Energie dass einem nach dem vernichtenden Angriff durch den Gestörten noch übrig gegeblieben ist, in ein letztes Aufbegehren, in einen Gegenangriff zu stecken, dieser scheint aber völlig vergebens gewesen zu sein.
Das ist natürlich niederschmetternd. Und es ist leider genau das, was zu erwarten war.

Um mal die Soziopathen direkt abzuhaken: Für einen antisozial Gestörten ist man ohnehin nur eine nervige kleine Laus, die manipuliert oder zerquetscht werden muss. Der Versuch, ihnen Emotionen zu entlocken ist sinnlos und man schadet sich nur selbst. Hat man nicht die Möglichkeit, legale (d.h. wegen ihrer Straftaten) Gewalt auszuüben, wird man hier nie etwas erreichen. Sie respektieren keine Normen, die Gefühle anderer sind ihnen egal und sie haben enorme Schwierigkeiten, ihr Verhalten als Reaktion auf negative Reize anzupassen. Ja, richtig, Soziopathen sind langsame Umlerner. Sie sind zwar intellektuell oft sehr begabt und daher oft gute Manipulatoren,  aus Erfahrung zu lernen fällt ihnen hingegen aber sehr schwer, denn hierzu müssten sie ja einen Irrtum eingestehen können. So schwer es fällt: Umdrehen, gehen und sein eigenes Leben leben ist die richtige Lösung.

Bei den anderen Gestörten ist, sollte man vielleicht erst einmal warten, bis man wieder etwas klarer denken kann. Und dann ist es vielleicht sinnvoll, sich folgendes vor Augen zu führen: Der Gestörte (Soziopathen mal ausgenommen) hat einen enormen Vorsprung, wenn es darum geht, mit einem schwachen Selbstwertgefühl klarzukommen. Die Gefühlssituation in der sich das Opfer momentan befindet, nimmt das komplette Leben der Gestörten ein. Die Gestörten haben also Jahre und Jahrzehnte damit zugebracht, mit jeder echten oder eingebildeten Demütigung von außen umzugehen. Ihre verquere Denkweise kommt genau daher, dass sie sich von allem und jedem angegriffen und gedemütigt fühlen. Das gestörte Weltbild ist voll von Feinden, die vernichtet oder geknechtet werde müssen. Was man ihnen an Bösartigkeiten entgegenwirft haben sie vermutlich alles (wenigstens in ihrem Kopf) schon mal erlebt, und sie sind Meister darin, solche Attacken umzulenken oder wenigstens äußerlich zu ignorieren. Vielleicht kann man die Betroffenen tatsächlich verletzen, aber man damit sicherlich kein Umdenken und mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine äußerliche Reaktion.

Und wenn man gar keine Reaktion hervorruft, hat das ganze nur Kraft gekostet und vielleicht das eigene Selbstwertgefühl noch mehr beschädigt. Angriffe sind für die Gestörten vielleicht unangenehm, aber die ultimative Demütigung, die man damit erreichen will, werden sie vermutlich nicht empfinden und schon gar nicht zeigen.

Auf der anderen Seite gibt man ihnen nur etwas über sich selbst Preis: Man fühlt sich verletzt und die Angriffe zeigen das auch. Und das sind genau zwei Dinge, die der Gestörte am liebsten hat: Macht und Aufmerksamkeit (negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit).

Auch das ist ein primitiver Mechanismus:
  • Der Gestörte wertet sein "Opfer" ohnehin schon ab, spricht ihm Rechte und (oft sogar) Menschlichkeit ab. Wenn moralische Zwänge überhaupt vorhanden sind, so werden so auf diese Weise wegargumentiert. Das "Zerstören" des Opfers wird so gerechtfertigt.
  • Auch die Beobachtung negativer Effekte fördert die Selbstwirksamkeitserfahrung. Das sprichwörtliche Geschirr, das unwilligen Ehemännern nachgeworfen wird hat auch diesen Effekt: Man (bzw. in diesem Fall frau) hat etwas bewirkt und wenn es auch nur die spektakuläre Vernichtung von Zerbrechlichem ist. Eine Konfrontation ist für einen Narzissten ein Existenzproblem, denn sie nimmt ihm seine Bewunderungsdroge, sie stellt ihn als verletzbar dar. In die Ecke gedrängt tut er das, was für ein verängstigtes Tier typisch ist: wild um sich beißen. Hat das "Gebeiße" demnach einen wahrnehmbaren Effekt, fühlt sich der Narzisst wieder "wirksam", sprich er glaubt wieder die Kontrolle zu haben.
Die meiste Demütigung erzielt man also, wenn man nichts tut. Denn damit sorgt man dafür, dass der Gestörte sich seine Aufmerksamkeits- und Machtdrogen woanders holen muss. Die Alternative ist --wenigstens nach außen-- völlig nüchtern, den Hebel umzulegen und den Betroffenen zum Schweigen zu bringen. Das ist in vielen Fällen legal möglich, man muss nur klar genug Denken und den Mut haben, es auch zu tun.

Ziele des Gestörten sind
  • sich selbst als "wichtig und wirksam" erfahren, Macht ausüben
  • Aufmerksamkeit bekommen
  • Verwirrung stiften
Was der Gestörte verhindern will:
  • machtlos erscheinen/sein
  • unwichtig erscheinen
  • nach Tatsachen beurteilt werden
Um einen Anwalt zu paraphrasieren (gottseidank ist das schon Jahre her):
Entweder Sie tun nichts und ignorieren das alles. Oder Sie schießen sofort mit voller juristischer Breitseite, sprich erst Abmahnung und, wenn das nichts hilft, gleich Unterlassungsklage, vielleicht sogar inklusive Strafantrag. Zwischenstufen sind bei solchen Menschen sinnlos.
Recht hat er.

Kommentare:

  1. Tut gut, das zu lesen. Danke fuer den ganzen Blog.

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  2. Wollen Gestörte wirklich Machtlosigkeit verhindern, wenn sie sie dafür einsetzen, an das Gewissen des Partners oder wessen auch immer zu appellieren, um ihn bei der Stange zu halten? Ist bei vielen dann auch Teil des Programms und birgt großes Machtpotential.

    So long,
    №17

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    1. Nachtrag: Ich denke dabei an den sog. "weiblichen Narzissmus", bei dem wirklich viel über Gejammer, Schuldzuweisungen und ähnliche Manöver läuft.

      (№17)

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  3. Das Problem fängt schon beim "Wollen" an. "Wollen" setzt eine eine Entscheidungsmöglichkeit und damit eine Auseinandersetzung voraus. Die fehlt aber teilweise völlig oder wird wegverdrängt. Die Betroffenen machen einfach, weil sie gar nicht anders können. Da wird meist ganz wenig bewusst gesteuert (diejenigen, die bewusst steuern gehören wohl eher zu den antisozial Gestörten), es ist für die Betroffenen einfach "normal" zu manipulieren und unter Druck zu setzen. Sie kennen es nicht anders; manche sehen es nicht einmal, wenn man sie mit der Nase darauf stößt. Die Leute sind auf dem Auge einfach blind (vielleicht auch, weil nicht sein kann, was nicht sein darf).

    Und man sollte sich klar sein: Emotionale Gewalt ist auch Gewalt. Gejammer, dauerndes Genörgel, Schuldzuweisung, emotionale Erpressung, usw. sind genauso Machtmittel wie Bedrohung, Beschimpfung und Abwertung. Und da es Machtmittel sind, steht deren Einsatz vor dem möglichen Machtverlust.

    (Bewusste/Unbewusste) Manöver zum Verhindern von Machtverlust kann ich aber auch bezeugen. Abwertung ist sicherlich sowohl als auch. Isolierung ist eher ein Mittel des Machterhalts ("Ich mag Deinen besten Freund/Deine beste Freundin nicht"). Wie gesagt, man sollte sich von dem Konzept der "bewussten Anwendung" lösen, bei Gestörten passiert oft sehr viel auf unterbewusster Ebene. Sie machen es, weil es funktioniert.

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    1. Ah, jetze.

      Dass emotionale Gewalt auch Gewalt ist und diese "Wollen vs. Bewusstseins"-Angelegenheit ist mir klar gewesen.
      Aber dass die Masche mit dem schlechten Gewissen nicht erst dann zum Einsatz kommt, wenn der Machtverlust schon eingetreten ist, habe ich bislang nicht gecheckt. Nur lässt sich der (gefühlte oder tatsächliche) Machtverlust wahrscheinlich nicht grundsätzlich vermeiden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es egal ist, ob sich ein Betroffener mächtig genug fühlt oder nicht, ob er tatsächlich Macht über jemanden hat oder nicht: Die Manöver bleiben eh die gleichen.

      Merci,
      №17

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    2. Ich glaube, ich verstehe jetzt das Missverständnis.

      Nein, es gibt sicher keinen "Umschaltpunkt", in der Art "oh, ich verliere die Kontrolle, ich muss jetzt Kontrollerhaltungsmethoden anwenden". Es ist eher ein "individuell verwobenes Geflecht aus fehlangepassten Manipulations-Maßnahmen zur Selbstwerterhaltung".

      Hier ein wenig das Opfer von Freunden isolieren, da ein wenig im Befehlston dominieren und abwerten. Das hört sich in der nüchternen Beschreibung leider oft wie ein gezielt gewählter Schlachtplan an und derartig kaputte Menschen gibt es natürlich auch.

      Bei den Meisten ist es aber eher so, dass sie in einer Situation das Beste tun, was ihnen möglich. Sie sind eben nur zwischenmenschlich und auf Selbsterkenntnisebene massiv inkompetent. Mit fatalen Auswirkungen auf ihre Umgebung.

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    3. Was für ein Aufwand nur um nicht mit sich selber (und mit anderen) klarkommen zu müssen.

      Gruß,
      №17

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