Montag, 4. November 2013

Der Teufel steckt im Detail

Ein bekannter Spruch geht:

"Die Welt ist nicht voll von Arschlöchern. Aber irgendwie sind sie strategisch so platziert, dass dir jeden Tag welche über den Weg laufen."

Ich bin immer noch der Meinung, dass der Satz grundsätzlich wahr ist. Die meisten Menschen sind gesetzestreu, fast alle Menschen handeln in dem meisten Fällen moralisch korrekt und wollen anderen nicht bewusst Schaden zufügen.

Die Charaktergestörten sind in Bezug auf die Allgemeinheit deutlich in der Minderheit. Würden sie die Mehrheit ausmachen, wäre unsere Gesellschaftssystem nicht tragfähig. Doch weil die Anzahl der Gestörten in unserer modernen Welt offenbar zunimmt, weil Gestörte sich aggressiver verhalten und auch bestimmte, expontierte Positionen bevorzugen, trifft man dennoch häufiger auf sie, als einem lieb sein kann.

Oft geben sie sich zunächst freundlich und kooperativ, und man merkt es spät, dass man es mit einer Person zu tun hat, die man besser gemieden hätte. Das ist auch der beste Umgang mit solchen Menschen: isolieren, in Ruhe lassen, aus dem Weg gehen und sich auf keinen Fall emotional auf den Betroffenen einlassen. Doch was bei offensichtlich Gestörten einfach ist, damit hat man bei jenen, die sich einen Anschein von Normalität zu verschaffen, so seine Schwierigkeiten. Wie erkennt man ein so einen Tarnstörenfried?

Ich bin inzwischen der Ansicht, das wichtigste Stichwort zu dieser Thematik ist "verdeckte Aggression" (covert aggression (nach Dr George Simon) oder auch "relational aggression"):

  1. Bei den Betroffenen herscht die  Meinung vor, dass aggressives, destruktives Verhalten für sie eine einfache (und oft die einzige) Möglichkeit ist, sich zu behaupten. Oft findet sich ein gutversteckter Opferkomplex: Die "böse, böse Welt" will ihnen dauernd ans Leder und daher setzen sie sich zur Wehr.

    Man könnte sagen, dass die Betroffenen sich dauernd mit ihrer Umgebung im Kriegszustand befinden. Sie sehen überall Bedrohungen, zumeist natürlich solche, die sie durch eigenes Verhalten selbst herbeirufen.

    Sie glauben fest daran, dass Abschreckung und Gewaltanwendung (welcher Art auch immer) akzeptable Methoden zur Konfliktlösung sind. Allerdings sehen sie oft nicht, dass ihre Verhaltensweise eine Art von Gewaltanwendung ist. Entweder argumentieren sie, dass sie, dass sie von anderen zu ihren Verhaltensweisen gezwungen werden (Verantwortung abgeben, andere beschuldigen) oder aber sie erkennen ihre Verhaltensweise nicht als zerstörerisch und gewalttätig an. Die selbstgegebene Begründung hat aber keinen  Einfluss darauf, dass sie enorme Schwierigkeiten mit friedlicher Konfliktlösung auf Augenhöhe haben.
  2. Die Betroffenen haben allerdings gelernt, das direkte Gewaltanwendung (physisch oder verbal) ihnen mehr Nachteile einbringt als Vorteile.

    Anstatt aber zu verstehen, dass ihre Aggression an sich in den Griff bekommen müssten, haben sie nur die Art ihrer Gewaltanwendung verschoben.

    Statt zu unmittelbarer Gewalt greifen sie stattdessen zu verdeckter, indirekter Gewalt. Es wird subtil gedroht, der Leumund der Gegner ("Feinde") angegriffen, beleidigt, beschimpft und anderweitig manipuliert. Geändert hat sich also nicht die Einstellung ("Aggression und Gewalt sind gut und bringen mich weiter") sondern nur die Wahl der Mittel (verdeckte statt direkte Aggression).

    Um mich zu wiederholen: Für die Betroffenen erscheint diese Art der Aggression dann oft nicht als Gewaltanwendung. Sie glauben, dass sie beherrscht und rational reagieren, oder wenn dann nur provoziert wurden. Fakt ist allerdings, dass stattdessen die Gewalt sehr oft von ihnen ausgeht. Statt direkter Gewalt verwenden sie nun eben verdeckte Gewalt.
Diese indirekte Aggression, oft getarnt hinter einer dünnen Schicht aus vermeintlicher Rationalität ist es dann auch, die man zur Entlarvung der Betroffenen verwenden kann. Denn das aggressive, nicht-kooperative Verhalten findet sich in den Aussagen der Betroffenen wieder.

Zunächst ein kleines Beispiel aus einem realen "Streitgespräch". Das Beispiel hier soll nicht sagen, dass der betroffene Sprecher verhaltensgestört ist. Allerdings merkt man deutlich, dass er in der betroffenen Situation zu aggressivem Verhalten neigt. Und genau dies wird in seiner Formulierungsweise deutlich:

"Diese Aussage ist für unbeteiligte Dritte nicht nachvollziehbar"

Der Satz klingt wie eine normale Feststellung, aber zwischen den einzelnen Worten spricht aus ihm aber bereits die Abwertung des Gegenübers: Der Sprecher nimmt für sich in Anspruch, eine unabhängige Position einnehmen zu können. Zeitgleich weitet er seine eigene, persönliche Meinung auf (tatsächlich unbeteiligte) Dritte aus, um der eigenen Meinung größere Geltung zu verschaffen. Und zu guter Letzt überhebt er sich mit seiner Meinung über sein Gegenüber, dass ja offensichtlich eine andere Position vertritt. Die einzige Aussage, die er treffen könnte, wäre nämlich

"Ich sehe hierin keine Provokation und denke auch, dass die Provokation auch für Außenstehende nicht erkennbar ist."

Die zweite Formulierung stellt eine Meinungsäußerung dar. Die erste Formulierung ist eine nicht bewiesene Tatsachenbehauptung, ein Totschlagargument. Der Betroffene will auf diese Art seine Meinung durchsetzen, auf Argumente des Gegenübers wird er vermutlich nicht eingehen In der realen Situation des Beispiels zielt die fortgesetzte "Argumentation" des Sprechers dann auch auf persönliche Abwertung des Streitgegners, sachliche Aussagen bleibt er (im benannten Fall: wieder einmal) schuldig, selbst wenn sein Gegenüber sachlich reagiert und die Korrektheit und Beweisbarkeit der Behauptung ("für Dritte nicht nachvollziehbar") anzweifelt.

Stattdessen reagierte der Betroffene dann noch mit deutlicherer Abwertung des Gegenübers

"ist natürlich klar, dass das für sie als Provokation erscheint"

Spätestens hier sollte dann klar werden, dass eine Diskussion völlig sinnlos ist. Man kann vielleicht noch versuchen, das letzte Wort zu behalten, ohne echte Zwangsmaßnahmen wird das Gegenüber allerdings von seiner festgefahrenen Position nicht mehr abweichen.

Die Aggression schlägt bei den Betroffenen in vielen Fällen auf ihre Formulierungen durch und man kann sie --ein wenig Übung vorausgesetzt-- durchaus erkennen:

  • Lügen, Lügen, Lügen und Lügen: Sie lügen durch Weglassen eindeutig wichtiger Informationen (und behaupten dann, dass "man ja nur hätte fragen müssen" oder sogar "Nichts Sagen ist kein Lügen"), sie lügen durch Übertreiben, sie lügen durch Abstreiten. Oft versuchen sie, dem anderen Unfähigkeit und Schwachsinn zu unterstellen ("Gaslighting", "Natürlich ist das so gewesen, Du erinnerst Dich nur nicht!", "Das ist nur in Deiner kaputten Wahrnehmung so!", "Was erzählst Du nur wieder für einen Schwachsinn", gerne in Kombination mit "Hör Dir mal an, was der für einen Blödsinn erzählt", um zwei gestörte Ausweichmethoden zu kombinieren). Lügen ist die zentrale Waffe des Gestörten.
  • Feststellende Tatsachenbehauptungen statt Selbstaussagen. Sie sagen nicht "ich möchte das nicht", "ich halte das für falsch", sondern stattdessen "das ist so". Begründungen und Rechtfertigungen werden als Schwäche wahrgenommen.
  • Weigerung, die Meinung des anderen wiederzugeben. Dies ist die übliche Methode in einer Diskussion, um Missverständnisse durch mehrdeutige Aussagen (und alle Aussagen sind mehr oder weniger mehrdeutig) zu vermeiden. "Ich habe Deine Aussage so verstanden, dass ..." ist ein wichtiges Element der Streitkultur. Bei Aggressiven ist das anderes: Hier sind die Argumente des Streitgegners ohnehin alle falsch und leer, daher müssen sie auch nicht berücksichtigt werden. Außerdem versteht der Aggressive selbstverständlich immer alles richtig.

    Auf die Rückfrage, "Wie haben sie meine Aussagen denn verstanden?" reagiert er gereizt oder ignoriert diese.
  • Benutzen das "wir", um ihre eigene Meinung zu "vergesellschaften". "Wir haben das schon immer so gemacht", "Das ist hier nicht üblich", "Wir brauchen sowas hier nicht".
  • Vermeiden klarer Aussagen. Fast jede Aussage eines Gestörten enthält eine Hintertür. Häufig machen sie zum Beispiel eindeutige Andeutungen, die man aber --mit viel Phantasie-- auch anders auslegen kann. Eine klar Aussage vermeiden sie, weil sie wissen, dass sie dafür auch verantwortlich gemacht werden können.

    "Das Übliche, sie wissen schon ..."

    Wenn Sie dann doch mal Klartext reden, dann so dass man ihnen diese Aussage nicht nachweisen kann. Attacken und Angriffe kommen zum Beispiel via Telefon, so dass es eine Straftat wäre, sie aufzuzeichnen. Das "klärende Gespräch" mit den ganzen Beleidigungen wird natürlich unter vier Augen geführt. Wenn Sie wirklich ausfallend werden, dann weil sie glauben, dass sie damit durchkommen.
  • Fabulieren statt Klären. Der Aggressive versucht, ein klares Festlegen der Regeln und verbindliche Aussagen zu vermeiden. Derartiges "Commitment" würde für ihn bedeuten, dass er seine Entscheidungsfreiheit für andere einschränken müsste, was er nicht dulden (bzw. ertragen) kann. Verlangt man klare Ansagen, fangen viele an zu "fabulieren", d.h. sie erklären auf mit abstrakten, teilweise von Fachbegriffen durchsetzten Erzählungen
    Doch hier wird nur der Anschein erweckt, auf die Belange des anderen einzugehen, die Nutzung schwer verständlicher Sprache dient der Abhebung vom anderen ("Du bist ohnehin zu dumm, mich zu verstehen"), sind aber letztendlich oft inhaltsleer, nicht selten hat der Gestörte selbst nur eine oberflächliche Vorstellung von den Begriffen, die er in den Mund nimm. In Wirklichkeit geht vor allem darum, den anderen zu verwirren und von der Erkenntnis abzuhalten, dass er nur ein Opfer der (verdeckten) Aggression des anderen ist.
  • Verantwortung verschieben und Ausreden erfinden ("Wieseln"). Ein so üblicher Kommunikationstrick in Unternehmen, dass ich ihn hier gar nicht erst aufnehmen wollte. Problemmenschen haben zwar gerne das Kommando (Macht!), möchten aber keinesfalls die Verantwortung übernehmen, wenn irgendetwas schief läuft. Regelmäßig "waren sie nicht zuständig" (obwohl sie Anweisungen erteilt haben).
  • Wenn sie sich inhaltlich nicht behaupten können, versuchen sie sehr schnell, Streitgespräche auf die "Beziehungsebene" zu ziehen. Sprich, sie versuchen nicht die Aussage eines Widersachers zu widerlegen, sondern stattdessen dessen Glaubwürdigkeit und Motive in Frage zu stellen.

    Oft machen Sie Aussagen über die Motivation anderer, die sie dann aber auch auf Nachfrage nicht begründen können oder wollen ("Der macht das doch nur, weil er neidisch ist", "Das ist doch ein Jammerlappen"). Man beachte hierbei auch, dass hier keine Vermutungen und Meinungen geäußert, sondern wieder Tatsachenbehauptungen gemacht werden.
  • Widerspruch und berechtigte Kritik werden nicht wahrgenommen, ignoriert oder übergangen ("überbügeln").

    Eine häufige Masche: Die Aufmerksamkeit von der Betrachtung eines Kritikpunkts zu einem anderen Thema ziehen und damit zu weigern, auf konkrete Vorwürfe einzugehen.

    Wenn jemand einen Kritikpunkt anbringt und der andere weigert sich, diesen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dann ist bereits diese Weigerung eine Beleidigung.
  • Über Dritte wird --vor allem in Abwesenheit--  oft abwertend gesprochen. Dies dient der Polarisierung. Kunden sind also "dumm" und "unfähig" (aber man lebt natürlich von deren Dummheit). Unterschwellig bemerkt man, dass das Ziel nicht die Problemlösung sondern der Erhalt der Machtillusion ist.

    Zeitgleich versucht man (leider oft erfolgreich) mit dieser Methode eventuelle Vorbehalte von anderen noch zu verstärken, wenn sie den eigenen Zwecken dienen. Es wird also versucht, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen und auf ein höheres "Aggressionsniveau" zu heben ("Was? Das meint der? Ungeheuerlich!"), damit diese statt einer selbst aggressiver vorgehen.
  • Primitiver Humor.  Sie finden vor allem einfache, sexuelle Anzüglichkeiten lustig, Sie lachen besonders gerne darüber, wenn andere sich ihrer Ansicht nach "dumm" benehmen und dadurch zu schaden kommen. Auch hier zeigt sich die Tendenz zu Dominanz und Gewalt. Feinfühliger, intellektueller Humor ist ihnen ein Gräuel.
  • Männliche Gestörte zeigen sich oft "übermännlich". Sie stellen Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Kontrolle und Dominanz und promiske Sexualität in den Vordergrund, regelmäßig auch durch Übertreibungen und Lügen. Derartiges Verhalten ist prinzipiell ein unübersehbares Zeichen für übermäßige Aggressivität. Leider machen sich die wenigstens klar, dass es bei allen diesen "Zurschaustellungen" sehr oft nur darum geht, die eigene Kontrollsucht zu festigen und der Betroffene tatsächlich eher sozial unfähig ist. In Gruppen spiele solche "Männchen" denn dann auch oft das "ich bin das größere Arschloch"-Spiel. Bei diesen "Schwanzvergleichen" sieht man auch wieder die primitiven Verhaltensweisen klar durchscheinen.

"Aggressive Kommunikation" ist ein großes Problem, dessen Verhinderung leider wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Menschen, die zu verbaler Gewalt neigen, gelten oft als durchsetzungsfähig. Dies liegt aber vor allem daran, dass sich die Menschen in der Umgebung des "verbalen Gewaltäters"
nicht hinreichend gegen dessen Übergriffe zur Wehr setzen (können).

Die richtige Reaktion ist, sich derartig manipulative Kommunikation einfach nicht bieten zu lassen. Dazu gehört, sie zunächst zu erkennen. Benennt man die Manipulationsversuche dann öffentlich und weist sie zurück, nimmt man den Aggressiven die Kontrolle über die Kommunikation.

Gehindert wird man dabei vor allem von der eigenen Angst. Man möchte selbst nicht anecken und wer stellt einen anderen schon gerne als manipulativen Bösewicht dar. Hier ist es wichtig, den Tatsachen ins Auge zu sehen, sich ein Herz zu fassen und damit den Gestörten nicht das Feld zu überlassen.

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