Freitag, 22. März 2013

Ich bin das Opfer

"Kindergarten".

So nennt ein mir bekannter, klinisch arbeitender Psychologe das Verhaltensspektrum gewisser Personen. Er hat es unterlassen, direkt eine Motivation, bzw. eine Grundlage für dieses Verhalten zu unterstellen, aber das Wort macht es auch so schon klar, was er sich dabei vermutlich gedacht hat.

unreif, situativ überfordert, arrogant, selbstgerecht

So würde ich das Verhalten einer gewissen Dame namens Adria auf der PyCon 2013 bezeichnen.

Weil ihr die vermeintlich niveaulosen und anzüglichen Witze zweier männlicher Konferenzteilnehmer zu nahe gingen, machte sie von den beiden gleich mal ein Photo und kommentierte das öffentlich auf Twitter:
Not cool. Jokes about forking repo's in a sexual way and "big" dongles. Right behind me #pycon
Den Twitter-Link erspare ich mir und den beiden Betroffenen. Nachdem sich die Betroffene bei der Konferenzleitung beschwert hat, sind die Photographierten offenbar von der PyCon geflogen. Und der "big dongle"-Scherzer verlor offenbar sogar seinen Job.

Sorry, Ms Richards, aber ich nenne derartiges Verhalten RBFU: Real Big F*ck-Up. Man hätte die beiden auch einfach ansprechen und ihnen sagen können, dass man ihr Verhalten nicht angebracht findet. Man hätte auch einfach --wie es jetzt auch in den Verhaltensregeln der Konferenz steht-- die Organisatoren persönlich und unter Ausschluß der Öffentlichkeit informieren können.

Man kann natürlich auch sofort alles öffentlich breittreten. Man kann Photos von der betreffenden Person veröffentlichen -- inklusive lesbarem Namenschild (in Deutschland übrigens eine Straftat). Gottseidank hat der mit dem lesbaren Namensschild wenigstens seinen Job noch.

Sprich, man kann alles das tun, was eine "internet-affine" Person nicht tun sollte, wenn sie irgendwie begriffen hat, wie das Internet funktioniert und dass es wie ein Ballungsraum für unbedachte Handlungen wirkt.  Aber das man das nicht tun soll, ist ja erst nach dem Vorfall ein Teil der Konferenzregeln geworden, nicht wahr?

Adria Richards Selbstrechtfertigung zum Thema liest sich auch nicht so, als würde sie glauben, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Stattdessen diskutiert sie über die Sinnhaftigkeit des anzüglichen Witzes; darüber, wie sie schon so großzügig sein und das alles vergessen wollte. Und was sie sich alles überlegt hat, bevor sie zwei Menschen wegen ein paar dummen Sprüchen einer Öffentlichkeit preisgibt, die diese Sprüche keinesfalls verdient haben.

Was ich aus dem Text der Dame lese ist reine Selbstherrlichkeit, Arroganz und Überheblichkeit. Und eine gute Portion Opferdenke. Und diese Opferdenke wird jetzt natürlich von den eher beschränkten Menschen  geschürt, die meinen, dass man Ms Richards jetzt beschimpfen, bedrohen und beleidigen muss:

Gebt nur weiter gute Beweise dafür ab, dass viele Menschen auf dieser Welt ein größeres Rad abhaben und sich der Folgen ihrer Handlungen so ganz und gar nicht bewusst sind. Und es ist immer wieder faszinierend, wie gut die Fähigkeit einiger (hoffentlich weniger) Menschen ist, eine Situation durch assoziales Geblubber noch zu verschlimmern.

Nein, diese Angriffe hat Adria Richards nicht verdient. Aber vielleicht lernt sie ja doch was, denn mit dem Lernen ist das offenbar so eine Sache bei Ihr: Amanda Blum schreibt nämlich zum Beispiel, dass Derartiges wohl schon einmal vorkam. Bei einer anderen Konferenz hatte ein Vortragender wohl einen etwas provokativen Titel (man kann, wenn man unbedingt will, den Titel als Verweis auf die Porno-Industrie lesen). Ms Richards hat das wohl bemerkt. Ihre Reaktion war damals ähnlich wie jetzt:

She’d never told us she was offended, she’d never told Danielle- she told her podcasting audience and blog readers that we were promoting porn.  In the end, after great drama, she attended and deep sixed her talk, instead lecturing the attendees about how porn wasn’t acceptable at conferences.

Ich kann dazu nur sagen: Wenn das zum "normalen" Verhalten der Betroffenen Person gehört, dann ist das genau die Art von "Karrierefrau", die kein Mensch braucht. Denn ihr Verhalten ist genau den narzisstischen, selbstherrlichen, dumm-dreisten Managermännchen nachmodelliert, die auch kein Mensch braucht. Ich hoffe, sie lernt aus dem erneuten Vorfall, wenn es auch eine ziemlich harte Lektion sein dürfte. Es gibt keine Rechtfertigung für Überreaktion, es gibt nur eine Entschuldigung danach.

Dass Adria Richards jetzt bedroht, beschimpft und anderweitig attackiert wird, ist natürlich jenseits von gut und böse. Das einzige Resultat davon ist nämlich jetzt noch mehr Wasser auf die Mühlen von Leuten, die glauben, dass das ursprüngliche Verhalten angebracht und männliche, technologieinteressierte Wesen primitiv und dumm sind.

Faktisch haben jetzt alle Beteiligten verloren. Herzlichen Dank, wir haben wieder einmal bewiesen, dass das Fehlverhalten einzelner Personen riesige Wellen schlagen kann, wenn man diese es nur dumm genug anstellen.

Ich kann in der ganzen Sache nur zwei Personen mit Rückgrat erkennen:
  • mr-hank, der Entwickler der jetzt aufgrund des Vorfalls arbeitslos ist. Er hat sich bereits vor drei Tagen für seinen unangebrachten Witz entschuldigt und die Situation erklärt, wie er sie sieht. Sich bei der Frau zu entschuldigen, der man durchaus vorwerfen kann, dass sie einen den Job gekostet hat ... dazu gehört eine ganze Menge Stil und Charakter. Hut ab!
  • Jim Franklin, der Chef von Sendgrid, --jetzt ehemaliger-- Chef von Adria Richards. Er hatte den Arsch in der Hose, trotz anhaltender Debatte über Für und Wider ein klares Statement abzugeben. Er hat die Betroffene gefeuert. Und er hat inzwischen auch lang und breit erklärt, warum.

Also nochmal --auch als persönliche Note-- Konflikte öffentlich zu machen ist ganz weit hinten in der Liste der zur Verfügungen stehenden Mittel, einen Konflikt auszutragen. Zuallererst spricht man mit den Leuten und erst wenn die sich quer stellen, kann man vielleicht an die Öffentlichkeit gehen.

Kenner europäischer Geschichte erinnern sich an die "Emser Depesche". Die Reaktion der Franzosen auf selbige war 1870 denn auch seltendämlich und nicht weniger dumm ist momentan auch die Reaktion "des Internets" auf den Vorfall.

If you're in a hole: STOP DIGGING.

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