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Montag, 22. Oktober 2012

Holy Crap ...

Als ich die Hintergründe des cybermobbing-bedingten Selbstmords in Canada nachlas, musste ich schlucken. Die Familie der Betroffenen ist schon zweimal umgezogen, aber der gedankenlose(?), hirnlose(?), kranke(?) Täter ist ihr immer wieder nach, hat die Schüler an der neuen Schule gegen sie aufgehetzt, sie regelrecht verfolgt.

Zum einen finde ich das unglaublich. Die Polizei war über die Angriffe gegen Amanda Todd informiert. Das Mädchen war in psychologischer Behandlung. Und dennoch hat niemand wirklich gehandelt, ihre Umgebung aufgeklärt. Oder wollte niemand hören? Ich weiß es nicht.

Bei mir selbst löst da ein böses Deja-Vu aus: Bei mir hatte damals sogar der Plattformbetreiber die Beschwerden schlichtweg ignoriert.  Auch mich hat jener Straftäter (und das ist er) zunächst verfolgt, als ich mich zurückzog. Offensichtlich war sein Ego gekränkt und er wollte mich vernichten. Nah dran war er ja. Für mich macht das es seine Taten zu einem Verbrechen. Für die Staatsanwaltschaft? "Streitigkeiten unter Bekannten", "kein öffentliches Interesse". Unglaublich.

In Deutschland ist das, was Amanda Todd angetan wurde ein Verbrechen und ein Offizialdelikt.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat den Tod des Opfers, eines Angehörigen des Opfers oder einer anderen dem Opfer nahe stehenden Person, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.
Doch das wahrhaft Bedenkliche ist: Vor dem Tod des (oder den Gesundheitsschäden beim) Opfer sind diese brutalen Attacken auch in diesem Land sogar nur Antragsdelikte. Niemand interessiert sich dafür, wenn perverse Menschen andere unter den Augen einer breiten Öffentlichkeit zu Tode quälen. Und inzwischen können sie das mit nur einem Mausklick.

Der Druck auf den Knopf zum Abwurf der Atombombe über Hiroshima hat sicherlich mehr Überwindung gekostet. Aber jemanden zu triezen und fertigzumachen, den man nur über eine Leitung kennt? Kein Problem.

Doch bei Amanda kam auch noch die Umgebung hinzu. Sie suchte Nähe, Halt, jemand der sie ernst nimmt und sie versteht. Und was fand sie: Mitschüler, die jemanden suchten, den sie fertigmachen konnten. Ein notgeiles Problemmännchen, dass die Hilfeschreiende (die sich nur nach Aufmerksamkeit sehnt) einfach nur ausgenutzt hat. Auch das kommt mir erstaunlich bekannt vor. Es gibt ganze Plattformen, die verlogenen (alten) Männchen auf der Suche nach naiven, jungen Mädchen mit Aufmerksamkeitsdefizit eine Spielwiese bieten.

Aber klar: immer schön wegschauen.

Aber es ist so schön einfach, jemandem die Schuld zu geben: Amandas Eltern. Der Gesellschaft.

Warum? Weil man sich nicht eingestehen will, dass zu jedem Zeitpunkt die Gefahr besteht, dass man selbst einmal nicht genug nachdenkt und sich wie ein Arschloch verhält. In Amandas Fall wird vielleicht nur ein Täter bestraft. Aber Hunderte, wenn nicht Tausende haben sich an dem Tod des Mädchens mitschuldig gemacht.

Ich zitiere aus eigenen Erfahrungen:

"Da halte ich mich heraus"
"Ich habe kein Problem mit ihm"
"Zu mir war er immer korrekt"
"Er ist doch gar nicht so"
"Das wird schon alles seine Richtigkeit haben"
"Mit Privatstreitigkeiten haben wir nichts zu tun"
"Finden sie ihre wiederholten Beschwerden nicht kindisch?"

Feiglinge, Egoisten, und --es tut mir leid-- SELBSTSÜCHTIGE ARSCHLÖCHER. Allesamt. Durch die Bank. Ohne Ausnahme. Nur einer hätte das Maul aufmachen müssen. Aber dazu sind wir inzwischen zu feig. Geht uns ja alles nichts an.

Ich frage mich, wie viele Menschen im Amandas Fall sich jetzt denken: "War doch alles nur ein Scherz." und "So schlimm war das doch gar nicht." Doch die traurige Wahrheit ist: Jeder einzelne, der die "bösen" Bilder von Amanda bekommen und der Quelle nicht ein lautes "WAS SOLL DIE SCHEISSE?!?" ins Gesicht gebrüllt hat, hat sich mit schuldig gemacht.

Nur wahr haben will das natürlich keiner ...

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