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Dienstag, 16. Oktober 2012

Co-Abhängigkeit

Im Zusammenhang mit psychischen Störungen ist immer wieder die Rede von Co-Abhängigkeit. Wie aus dem Wort "Abhängigkeit" vermutlich erkennbar ist, stammt dieser Begriff eigentlich aus der psychiatrischen Suchtbehandlung. Mit "Co-Abhängigkeit" bezeichnet man Verhalten eines Nahestehenden, dass sich negativ auf den Krankheitsverlauf des ursprünglichen Suchtkranken ausübt.

Beispiel: Die Freundin eines Alkoholsüchtigen holt diesen nach dem Anruf des Wirts wiederholt aus der Kneipe ab und bringt ihn nach Hause. Sie wird das Erbrochene heimlich wegputzen, damit er es nicht merkt. Sie wird seine Wutausbrüche ertragen und nach außen hin so tun, als wäre alles in Ordnung. Damit verhindert sie dass der Alkoholkranke mit den (wenigstens einigen) Folgen seiner Probleme konfrontiert wird. Aber sie fühlt sich gut dabei, sie "ist für ihn da", sie erhält Bestätigung und Lob (von anderen) für ihre hingebungsvolle Aufopferung. Doch tatsächlich ist sie in ihrem Helferkomplex gefangen und es geht ihr immer und immer schlechter. Sie ist co-abhängig vom eigentlich Abhängigen.
Allerdings ist der Begriff längst nicht mehr auf Suchtkranke beschränkt. In der Psychoanalyse gilt jedes Verhalten von Angehörigen/Bekannten, das eine schädigende ("maladaptiv") Verhaltensweise begünstigt als "Co-Abhängigkeit".

Beispiel: Eine Borderlinerin bezeichnet sich selbst (bereits untertreibend) als "schwierig", als sie sich einmal mehr mit einem riesigen Knall von einem Partner getrennt hat. Ihr bester Freund behauptet nun, sie wäre nicht "schwierig", sondern ihre Partner wären nur "unfähig". Damit heißt er indirekt ihre Instabilität gut und unterstützt direkt den primären Abwehrmechanismus der Projektion ("Die anderen sind schuld").

Vermeintlich um die Betroffene zu stützen und zu schützen, liefert der Freund der Erkrankten einen wichtigen Grund, damit sie sich die Verantwortung für die Folgen ihres Verhaltens "wegargumentieren" kann. Er fühlt sich dadurch in der Rolle des männlichen Beschützers. Er kann "den Feind" bekämpfen und fühlt sich dadurch stark. Tatsächlich wendet er nur sein eigenes, kaputtes Konfliktverhalten einfach nur auch für andere an. Dadurch gibt er letztendlich nur Preis, wie schwach sein eigenes Selbstbewusstsein ausgeprägt ist.
Beispiel: Ein Narzisst benötigt dauernd narzisstische Zufuhr, d.h. unbegründetes Lob und "Nachweise" der eigenen Großartigkeit. Eine seiner Bekannten liefert ihm diese, indem sie ihn bei Begegnungen höchst überschwenglich begrüßt und auch sonst über alle Maßen lobt. Manchmal übernimmt sie es auch selbst, Kritiker zu attackieren.

Seine gelegentlichen Wutanfälle, ja regelrechten "Vernichtungsfeldzüge" gegen Kritiker und andere Unliebsame argumentiert sie sich innerlich schön. Er "sei doch gar nicht so" und "irgendwas werden die anderen schon gemacht haben, um das zu verdienen". Ihr dennoch schlechtes Gewissen beschwichtigt sie mit "Das geht mich nichts an", "Da halte ich mich heraus".

Sie idealisiert den Narzissten,  weil sie sich in seiner überschwenglich guten Laune und seinem zur Schau gestellten Selbstwertgefühl angesteckt fühlt. In Wirklichkeit verlagert sie aber ihr Selbstwertgefühl in das falsche Selbst des Narzissten und macht sich von diesem abhängig.

Gestörte Menschen verwenden ihre Co-Abhängigen dazu, die eigene Störung erträglicher zu gestalten. Die Co-Abhängigen

  • übernehmen dabei dabei entweder die Verantwortung für den eigentlich Geschädigten und verhindern, dass er sich den Folgen seiner Handlungen selbst stellen muss.
  • oder sie unterstützen ihn bei seinen schädlichen Handlung. Dies führt letztendlich dann dazu, dass der Betroffene sich gut selbst davon überzeugen kann, dass "doch alles in Ordnung sei".
Co-Abhängige haben oft selbst eine gestörte Psyche, wenigstens aber gibt es bei ihnen besondere "Trigger", die durch den "Hauptgestörten" jeweils ausgelöst werden. Der Hauptgestörte wirkt also gewissermaßen als Katalysator, um die "schlechten" Seiten des Co-Abhängigen noch weiter in den Vordergrund treten zu lassen.

Co-Abhängige
  • leben "per Proxy" durch den anderen und machen das eigene Wohlergehen vom Wohlergehen des anderen abhängig.
  • fühlen sich (nur) geliebt und geschätzt, wenn sie gebraucht werden.
  • sind in der Lage, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen
  • haben eine hohe Leidensfähigkeit.
Die beiden letzten Eigenschaften sind hier zwar nur sehr bedingt negativ, in der Kombination mit den Eigenarten des Hauptgestörten wird der Co-Abhängige aber (ob nun gewollt oder ungewollt) als Unterstützung benutzt, damit der Hauptgestörte sich nicht mit den eigenen Problemen auseinandersetzen muss. Letztendlich führt dies bei beiden Beteiligten zu einer Verschlimmerung der seelischen Schieflage.

1 Kommentar:

  1. Das innovative an diesem Blog ist die Vernetzung psychologischer Themen wie Coabhaengigkeit, Narzissmus, Alkoholabhaengigkeit, vererbtes Trauma, etc. Auch die hier vertretene These der vielfaeltigen Coabhaengigkeit halte ich fuer richtig. Ein Lob an den kompetenten Blogger!
    Ich sehe die Thematik global: Wir Deutschen sind mit zwei Weltkriegen in unserer Historie im Gegensatz zu anderen Nationen in unseren Generationen sehr belastet. Ein vererbtes Trauma nach Vetreibung, Bomben und Kriegserlebnissen zieht sich bis in die 3. Generation:
    - 2013 haben wir deutlich viele Narzisten und es werden immer mehr
    - jeder 3. Deutsche ist psychisch krank
    - die Anzahl der dementen Alten ist erschreckend hoch, weil Kriegserlebnisse verdraengt wurden
    - nie gab es so viele deutsche Alkoholiker
    - etc.
    Die isolierte Betrachtung nur einer psychologischen Erkrankung hilft gesellschaftlich nicht weiter.
    Ein wirklich toller Blog! Respekt!

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