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Dienstag, 11. September 2012

Die schwierige Grenze

no-cybermobbing.com verlinkt auf ein interessantes Video von saferinternet.at zum Thema Cyber-Mobbing. Es gibt keine weiteren Anmerkungen auf der Seite zum Thema, außer einer Frage, die mich zum Nachdenken gebracht hat:

Eine Antwort fällt mir unerwartet schwer; dazu zunächst zwei Beispiele: Mir ist vor Jahren auf einer sozialen Plattform eine Person begegnet, die sich Recht arrogant und unnahbar gab. Die Person kam mir ziemlich großkotzig vor, sie zog teilweise über andere her und stellte sich teilweise selbst als knallharte Geschäftsperson hin. Ich habe mich damals mehrfach gefragt, ob die betroffene Person überhaupt Einfühlungsvermögen besitzt; ob sie mit Menschen auf "gleichem Niveau" umgehen kann. Die betroffene Person bewegte sich weiterhin in meinem Dunstkreis und ich hätte ihr also aktiv aus dem Weg gehen müssen, um eine Konfrontation zu vermeiden.

Ich habe eine starke Abneigung gegen Menschen, die andere dauernd heruntermachen und sich selbst aufspielen. Ich bin daher die betroffene Person daher hin- und mit ausnehmendem Sarkasmus und manchmal auch Recht scharf angegangen, wenn sie sich einmal mehr von ihrer allzu arroganten Seite zeigte.

Ich habe im Nachhinein erfahren, dass die betroffene Person unter meinen (O-Ton) "Spitzen" ziemlich gelitten hat. Das war mir damals nicht bewusst und es tut mir auch leid, wenn meine kritischen Äußerungen etwas Derartiges ausgelöst haben.

War das damals schon Mobbing? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich wollte die Person nicht herabwürdigen oder runtermachen. Ich habe die Kritik nicht über die jeweiligen Situationen hinausgetragen. Ich wollte nur, dass die betroffene Person ihre überhebliche Selbstdarstellung überdenkt und korrigiert, bzw. in meiner Anwesenheit reduziert.  War das noch angemessene Kritik? Schwierig ...

Auf der anderen Seite ist mir vor Kurzem erst wieder ein Fall begegnet, in der eine andere Person ähnliche Verhaltensweise zeigte. Sie gab sich arrogant und sehr herrisch. Mehrere Leute haben hier --meiner Übersicht nach ohne beleidigend zu werden-- Kritik geäußert. Auf diese Kritik ging die betroffene Person --für mich-- unverhältnismäßig heftig zum Gegenangriff über. Sie wurde selbst polemisch und unterstellte aber den Kritikern Unsachlichkeit, Voreingenommenheit und Polemik. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser für die Veränderung war, das Verhalten der Person hat sich wenigstens in der für mich wahrnehmbaren Öffentlichkeit jetzt deutlich gebessert.

Hier bin ich zum Beispiel der Ansicht, dass es sich nicht um Mobbing handelte. Es wurde situativ das Verhalten der Person kritisiert. Mir ist nicht bekannt, dass der Streit über die jeweiligen Situationen hinaus eskaliert worden wäre. Mir ist ebenso nicht bekannt, dass sich über die jeweiligen Vorfälle jemand beleidigend oder sonst anderweitig abwertend geäußert hätte. Offensichtlich blieb es hier bei Kritik am jeweiligen Verhalten, nicht an der Person an sich.

Nicht jeder, der scheinbar als bösartiger Mobber auftritt, hat die Absicht, den anderen als Person herabzuwürdigen. Ich selbst spiele gerne mit der Sprache, ich kokettiere gerne mit Klischees und leider passiert es mir manchmal, dass die Aussagen etwas zu derb werden. Deswegen hatte ich mir in der Vergangenheit angewöhnt, bei den Betroffenen oder Dritten nachzufragen, ob meine "Spitzen" sich noch in akzeptablem Rahmen bewegen. Tun sie das nicht, muss man eben darüber reden.
Inzwischen offenbart sich mir aber langsam immer mehr die Schwierigkeit, die die Mobbing-Thematik umgibt und die vermutlich auch den Gesetzgeber daran hindert, hier eindeutigere Gesetze zu formulieren.

Wann beginnt Mobbing?

Wenn es nur noch darum geht, jemanden zu beleidigen und zu beschimpfen, wenn gar keine Kritik mehr sichtbar ist, sondern nur noch Demütigungen, dann ist der Fall klar. Hier werden dann keine berechtigten Interessen mehr vertreten und die Grenzen der Schmähkritik sind auch weit überschritten.

Scharfe, aber berechtigte Kritik ist aber von brutalem Mobbing aus der Vogelperspektive schwer zu unterscheiden.  Wenn ich zum Beispiel das Verhalten bestimmter Leute mit dem Kriterienkatalog für schwere Persönlichkeitsstörungen aus der ICD-10 vergleiche, komme ich auch zu einer Übereinstimmung bei F60.2 oder F60.4. Ab wann sind derartige Vergleiche denn Mobbing? Wenn sie auf falschen, bzw. sogar unwahren Tatsachenbehauptungen beruhen, sicherlich. Aber selbst wenn Behauptungen wahr sind, kann irgendwann das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen über das Verhältnis hinaus angegriffen werden.

So formuliert mein Belästiger jedesmal seine Beleidigungen jedes mal so, dass den Anwesenden, bzw. Mitlesern eine Zuordnung zu mir in jedem Fall möglich war. Ich gehe davon aus, dass er das auch so bezweckt hat, denn er möchte vermutlich seine vermeintliche Überlegenheit ("Mir kann keiner was!") möglichst deutlich demonstrieren. Hierbei ist seine Auseinandersetzung mit den Tatsachen recht begrenzt: Es geht ihm hauptsächlich um die Beleidigung und Demütigung. Seine Unterlassungspflicht will er ja nicht anerkennen. Stattdessen gibt er des Öfteren lautstark sein Desinteresse an der Einhaltung auch des  Strafgesetzes (natürlich nicht direkt) kund, weil ihn das ja nicht zu interessieren braucht.

Wenn ich diesen Sachverhalt nun öffentlich (ohne Namensnennung) darstelle, kann dies meiner Ansicht nach niemand mehr ernsthaft als Mobbing bezeichnen. Anders wäre es vermutlich, wenn ich Namen nennen würde, denn dann würde ich die betroffene Person für einen weiteren Kreis erkennbar machen, als die ursprünglichen Angriffe durch ihn ermöglichten.

Genauso wenig Mobbing ist die Kategorisierung von KTzG als Narzissten durch Hans-Jürgen Wirth.  Der Vorfall, bzw. Ausfall unseres Ex-Verteidigungsministers wurde dadurch ja nicht stärker ins Licht der  Öffentlichkeit gezerrt. Und vor allem geht es Wirth ja nicht um die Demütigung des Barons, sondern um eine sachliche Auseinandersetzung mit den tieferen Gründen für den Plagiatsvorfall und seine Handhabung.


Schwieriger fällt mir das jetzt schon bei der aktuelle Debatte um die Vergangenheit der die Gattin unseres ehemaligen Bundespräsidenten. Es scheint ja so, als wären die Gerüchte inzwischen als falsch bestätigt worden. Und selbst, wenn an der vermutlich eher gestrickten Story was dran sein sollte, halte ich das eher für bemerkenswert mutig (oder dummdreist arrogant, kann ich mir auch vorstellen) von Christian Wulff. Aber dass dies jetzt in der breiten Öffentlichkeit zerkaut wird, wenn es doch eher geringen Einfluss auf die Tätigkeit von Bettina Wulff weder als Präsidentengattin noch jetzt hat. Okay, die (gewollte?) PR hilft vielleicht Ihrem Buch "Jenseits des Protokolls". Das aber gerade eben, weil jetzt jeder Geier nach den Gerüchten kräht.

Allein an der Reaktion es Opfers festmachen kann man Mobbing leider auch nicht. Denn auch berechtigte und differenziert vorgetragene Kritik kann in bestimmten Fällen dieselben Symptome wie ein gewollter Angriff zur  Destabilisierung verursachen.

So ist mir ein Vorfall bekannt, wo eine Betroffene zunächst einen vermeintlichen Scherz auf Kosten eines anderen äußerte. Dieser fühlte sich dadurch sehr angriffen und stellte die Betroffene dann auch zur Rede. Als diese dann meinte, es wäre "ja nur ein Scherz gewesen", kündigte er ihr die Freundschaft und ließ sie aber daraufhin in Ruhe. Einige Zeit später erfuhr er dann, die Betroffene habe sich von ihm extrem schlecht behandelt gefühlt, sie behauptete weiterhin, er habe Wahnvorstellungen (wörtlich: "das findet offensichtlich nur in Deinem Kopf statt") und er solle sich doch professionelle Hilfe suchen.

Dies ist ein schlimmer Streit, aber nicht unbedingt Mobbing. Wenn die Betroffene ihre Meinung mit nur unzureichender oder ohne Begründung verbreitet oder der Betroffene öffentlich über die Betroffene hergezogen wäre, sähe die Sache anders aus.

Auch die Forschung tut sich schwer, eine einheitliche Definition von "Mobbing" zu finden. Die Gesellschaft für psychosozialen Stress und Mobbing e. V. stützt sich auf  Heinz Leymann und definiert (Seite 18) Mobbing als „eine konfliktbelastete Kommunikation [am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu verstehen], bei der die angegriffene Person unterlegen ist (1) und von einer oder einigen Personen systematisch, oft (2) und während längerer Zeit (3) [mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßes aus dem Arbeitsverhältnis (4)] direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet“.

In dieser Definition fällt auf, dass Mobbing nicht bewusst geschehen muss, einer Beobachtung, der ich mich auch anschließen muss. Ob eine einzelne Mobbing-Handlung bewusst und zielgerichtet geschieht, dürfte auch wenigstens zu Beginn schwierig nachzuweisen sein. Spätestens wenn das Opfer auf seine Rechte besteht und sich wehrt, ist der Nachweis durch das Desinteresse des Täters in jedem Fall erbracht.

Es ist also bei Weitem nicht so klar, wann denn "Mobbing" anfängt. Und offensichtlich kann man auch jemanden unabsichtlich mobben. Nämlich dann, wenn dieser sich angegriffen fühlt, obwohl der andere nur einen Scherz machen wollte.

Gegen Mobbing hilft letztendlich nur eines: Ein respektvoller Umgang miteinander und ein offener Umgang mit Konflikten. ich denke, Mobbing entsteht vor allem dann, wenn eine Seite die Auflösung des Konflikts verweigert. Wenn nun einer Beteiligten sich unterlegen fühlt (bzw. in der unterlegen Situation ist), kann es sein, dass er vom anderen bewusst oder unbewusst gemobbt wird. Wobei das bewusste "Fertigmachen" eines anderen sehr viel schlimmer wiegen dürfte, wie ein versehentlicher Angriff.

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