Mittwoch, 22. August 2012

Dumm und Dümmer?

Eine Gruppe Studenten sitzt in der Mensa. Sie reden darum, wie schwer das Studium ist und wie sehr ihnen doch jetzt immer mehr und mehr bewusst wird, dass sie eigentlich keine Ahnung haben.

Ein älterer Professor sitzt am Nebentisch und hört ihnen eine Weile zu. Als er fertig gegessen hat, steht er auf, nimmt sein Tablett, stellt sich zu den Studenten an den Tisch und meint.

"Wissen sie, es ist immer dasselbe. Wenn die jungen Hüpfer nach dem Abitur zu uns kommen, glauben sie, dass die Welt ihnen offen steht und dass sie alles erreichen und machen können, was immer sie wollen.

Einige von denen schaffen dann das Studium. Wenn diese dann die Diplomurkunde in den Händen halten, denken sie sich nur: Es gibt soviel, das ich nicht kann und so viel, das ich noch lernen muss.

Ganz wenige von denen, die nach dem Studium noch weiterlernen, promovieren dann auch. Und wenn sie nach entbehrensreicher Arbeit dann endlich den Doktortitel tragen dürfen, denken sie sich: Eigentlich habe ich keine Ahnung.

Und noch ein paar, ganz wenige, habilitieren noch. Wenn sie dann ihre erste Dozentenstelle annehmen, werden sie merken: Alle anderen haben auch keine Ahnung.
"
Ich mag diesen Witz. Ich mag ihn, weil ich die Einstellung angenehm finde, die für mich in diesem Witz vermittelt wird: Wir sind alle im selben Boot, wir sind alle letztendlich ziemlich unwissend. Demut vor unseren eigenen Leistungen ist in jedem Fall angebracht.

Jeder, der gegen den einfachen Grundsatz "Ich kann auch nicht alles" verstößt, der geht mir persönlich relativ bald auf die Nerven.

In dieser grundlegenden Aversion begründet sich auch meine Abneigung gegen eine bestimmte Klasse von Unternehmens- und/oder IT-Beratern. Während ich einige aus der Branche kenne, die ihren Job tatsächlich verstehen und vor allem auch zum Wohle des Kunden ausführen, gibt es in dem Bereich auch vielfach Menschen, für die mir schlichtweg kein besseres Wort als "Schwätzer" einfällt.

Sie sind zumeist mit ziemlich magerem Fachwissen (was die Breite angeht, lokal in ihrem Bereich ist ihr Wissen oft sehr ausgeprägt) ausgestattet und es fehlt ihnen somit an der sprichwörtlichen Möglichkeit "über den Tellerrand" zu schauen. Das fällt einen allerdings oft nur dann auf, wenn man selbst die entsprechende, fachliche Breite selbst besitzt und man sich gleichzeitig die Mühe macht, die Aussagen dieser "Heißluftgebläse" nachzuprüfen.

Nicht wenige Berater blasen nämlich gleichzeitig mit einem vorgetäuschten Selbstbewusstsein die Einstellung in die Welt hinaus, dass alles, was sie von sich geben in jedem Fall Referenzcharakter hat, sprich unzweifelhaft richtig ist. Getreu dem Motto "Bei völliger Ahnungslosigkeit Kompetenz vortäuschen", schwätzen sie auch noch, wenn sie längst keine Ahnung mehr haben. Oft geben sie die eigene Meinung auch ungefragt von sich.

Wenn der Wahrheitsgehalt der Aussagen für das Gegenüber nun auch schwierig zu überprüfen ist, weil der Berater seine Unwissenheitslügen gut verpackt und versteckt hat, so sind natürlich die Probleme vorprogrammiert. Der geschickte Berater versteht es denn auch, diese Probleme nicht auf seine Unfähigkeit zurückfallen zu lassen.

Dieser Geltungs- und Wichtigkeitszwang und die Unfähigkeit Fehler zuzugeben sind eigentlich typische Zeichen für eine schwere, psychische Störung. Doch behandeln werden sich die Betroffenen wohl nie lassen, denn sie leben mit der Masche offensichtlich recht gut. Welchen Schaden sie anrichten, merkt man oft erst hinterher und teilweise merkt man gar nicht, wer der Verursacher ist.

Deswegen bin ich auch so ein vermeintlich schlechter Berater. Ich sage die Wahrheit, ich spreche alle möglichen Probleme an und ich mache nur verbindliche Aussagen. Damit fährt man langfristig besser, kurzfristig sind die Leute aber oft etwas schockiert.

Die zweite Gruppe an Menschen, die mir ziemlich auf die Nerven gehen, durfte ich erst vor ein paar Jahren kennenlernen. In dieser Gruppe sind auch bisher ausschließlich Frauen, was auch immer sich daraus nun ableiten lässt. Es sind Menschen, die (ich zitiere wörtlich), folgende Einstellung haben:
"Ich bin ja schon scheiße, aber alle anderen sind offensichtlich noch viel dümmer"
Die Kombination aus geringem Selbstwertgefühl und geringer Frustrationsschwelle, bzw. Neigung zur Kompensation mit Wutverhalten in diesem Satz kann hoffentlich jeder herauslesen. Wenn nicht, dann kann ich noch folgenden Satz hinzufügen, der das vielleicht noch deutlicher macht:
"Ich hasse Dich mehr, als ich mich selbst hasse."
Die Denkweise hinter diesen Sätzen ist folgende: Ich bin unfähig und dumm. Alles, was ich kann, ist wertlos. Wenn jemand jetzt aber sogar nicht einmal das wenige, dass ich kann, richtig kann, dann ist er noch viel dümmer und wertloser. Wenn ihnen das ein wenig bekloppt, arrogant und dissozial vorkommt: Herzlichen Glückwunsch, sie haben das Problem verstanden.

Kommt bei den Betroffenen nun hinzu, dass die vermeintliche Dummheit des Gegenübers als hinderlich oder frustrierend angesehen wird, kann es zu Wutanfällen kommen. "So dämlich kann ja keiner sein ...". Das ist natürlich narzisstische Wut: Aus "Wie kann man der mir im Weg sein?" wird "Warum ist der so doof?".

Und ja, wir projizieren alle hin und wieder. Wir alle haben schon geschimpft und die Schuld für unsere Frustration jemand anderem zugeschoben, der vermeintlich "seine Arbeit nicht richtig gemacht hat". Wir alle haben diese narzisstische Wut in uns. Mitarbeiter im Kundendienst können ein Lied davon singen.

Die Frage ist, ob wir uns im Klaren sind, dass uns diese Wut nicht weiterbringt. Dass wir eigentlich mit dieser Wut nur unsere eigene Hilflosigkeit und unsere eigene Frustration ausdrücken wollen. Ob für uns verständlich wird, dass diese Wut eine unreife Reaktion ist, deren Energie besser woanders Verwendung finden sollte.  Ob wir verstehen, dass wir mit Wut bei unserem Gegenüber nicht weiterkommen werden, vor allem, wenn wir auch noch damit anfangen uns mit ihm zu vergleichen und ihn dabei abwerten.

Wen man genau hinsieht, merkt man nämlich, dass die erste Gruppe die Steigerung des Verhaltens der zweiten Gruppe darstellt: Die erste Gruppe hat entweder niemals Zweifel an den eigenen Fähigkeiten besessen oder aber dieser Zweifel längst wirksam verdrängt. Das selbstbewusste Auftreten hat das Realitätsprinzip hier längst hinter sich gelassen, so dass der psychische Mechanismus, der die Problematik erzeugt, gar nicht mehr sichtbar ist: Es wird das eigene, fehlende Selbstwertgefühl durch Großspurigkeit überzeichnet. Fehler werden nicht zugegeben, sondern vertuscht, bzw. nach außen projiziert. Die zweite Gruppe zeigt eine Vorstufe dieses Verhaltens. Hier ist das fehlende Selbstwertgefühl, die Unsicherheit noch deutlich sichtbar. Aber es sind schon die ersten Anzeichen der Abwertung von anderen zur Stabilisierung des eigenen Selbstwerts vorhanden.

Letztendlich sind alle die Betroffenen daher leider vor allem eines: Narzisstisch.

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