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Montag, 18. Juni 2012

Komm mal lieber runter

"Entitlement" oder der "Sense of Entitlement" ist in der Psychologie die innere Haltung, dass man einen Anspruch auf eine bestimmte (bevorzugte) Behandlung oder ein bestimmtes Recht hat, ohne dass es dafür einen entsprechend Grund gibt.

Quod licet Iovi, non licet bovi

Menschen mit einem "Sense of Entitlement" messen mit zweierlei Maß, insbesondere legen sie an sich üblicherweise viel schwächere Maßstäbe an, als an andere. Dafür lassen sich zwei unterschiedliche Ursachen ausmachen
  1. Die Antisozialen, oder Wie? Natürlich ist das meins

    "Was ich je getan habe, war in hervorragendem Maße meine Tat, nicht die von Krethi und Plethi,...so habe ich mich doch in dem geheimnisvollen, aber unerschütterlichen Gefühl, ein Gunstkind der schaffenden Macht und geradezu von bevorzugtem Fleisch und Blut zu sein, innerlich stets gegen eine so unnatürliche Gleichstellung aufgelehnt."
    Thomann Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
    Zuletzt gehört habe ich dieses Zitat aus dem Mund von Jürgen Trittin über einen gewissen ex-promovierten Ex-Verteidigungsminister.

    Menschen vom Schlage eines Felix Krull halten sich für etwas besonderes, die sich nicht mit dem "Pöbel" messen wollen. Sie glauben, sie wären vom Schicksal und dem Glück auserwählt und dass niemand ihnen Schranken setzen dürfe.

    "Arrogante, selbstherrliche Säcke" dürfte das passende Schimpfwort sein. Leider kommen sie mit dieser Masche viel zu oft davon.

  2. Das Opfer, oder Man gönnt mir ja sonst nichts

    Auf der anderen Seite stehen Opfer-Menschen, die sich vom Leben übermäßig gedemütigt fühlen, die das Gefühl haben, nicht genug abzukommen. Sie fühlen sich immer unterdrückt und gegängelt. Sie schlagen über die Stränge, weil sie "auch einmal etwas dürfen wollen", oder weil sie den Eindruck haben "sonst etwas zu verpassen". Dabei muss es dem Opfer-Menschen natürlich nicht so ergehen, es muss für ihn nur so erscheinen.

    Im Gegensatz zu den antisozialen Menschen meinen die Opfer-Menschen nicht, dass ihnen niemand im Weg stehen darf, sondern sie haben das Gefühl, dass ihnen dauernd jemand im Weg steht und dass es nur ihr gutes Recht wäre, aus dieser vermeintlichen Gängelung auszubrechen.

    Während die Felix Krull-Menschen also davon überzeugt sind, dass sie eine Sonderbehandlung verdienen, weil sie ja besonders tolle Menschen sind, so glauben die Opfer-Menschen daran, dass sie ewig zu kurz kommen, wenn sie sich nicht "manchmal" nehmen, was sie haben sollen.


Was auch immer die Ursache für das Verhalten ist, die Ausdrucksweisen sind in beiden Fällen ähnlich
  • Beide haben eine Realitätsverzerrung. Die Opfermenschen nehmen sich viel mehr, als ihnen zustände, weil sie sich immer gegängelt fühlen. Sie rechtfertigen ihre Gier als Kompensation für Demütigungen, die sie vermeintlich dauernd erfahren Der Antisoziale sieht entweder das schädigende in seinem Verhalten gar nicht oder die (negativen) Auswirkungen seines Handelns auf andere sind ihm gänzlich egal.
  • Beide geben sich oft selbstsicher, unbekümmert und --vor allem-- dominant und mit "natürlichem" Führungsanspruch. Im ersten Fall liegt das daran, dass die betroffenen Hindernisse gar nicht erst gewohnt sind. Im zweiten Fall dient es dazu, weniger verletzbar zu erscheinen und und eventuelle Angriffe gleich von vorne herein zu verhindern.
  • Beide können mit Kritik nicht umgehen. Der Typ 1, weil ihm gar nicht in den Sinn kommt, sie könnte gerechtfertigt sein (und nicht etwa der Kritiker nur ein böser Mensch). Typ 2 reagiert genauso aggressiv auf Kritik, weil er genau weiß oder wenigstens befürchtet,  jene sei gerechtfertigt, woraufhin er die dadurch entstehende Scham als Wut auf den Kritiker zurückspiegelt.
  • Beide sind empathieunfähig. Typ 1-Personen sind durch ihr selbstbewusstes Auftreten zwar oft Sympathieträger, allerdings ist dies nur eine oberflächliche Maske, die sofort fallengelassen wird, wenn das Gegenüber sich nicht wie erwartet verhält (und Bewunderung liefert). Typ 2-Personen sind meist eher menschenscheu und versuchen sich Sympathie eher durch stark angepasstes oder gar verführerisches Verhalten zu erkaufen. Letztendlich sind aber beide stark abhängig von der narzisstischen Versorgung (narcisstic supply) durch ihre Umgebung, ohne sich wirklich in die Menschen in dieser Umgebung einfühlen zu können
Letztendlich sind dies genau die Kriterienpunkte, die sich auch für die Feststellung einer narzisstischen Persönlichkeit ergeben. Das Traurige ist nur, dass es offensichtlich einen Weg von Typ 1 zu Typ 2 gibt, aber keinen in die andere Richtung. Narzissten werden also eventuell mit zunehmender Dauer der Störung (die normalerweise unbehandelt bleibt, leiden tun ja vor allem alle anderen) schlimmer.

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