Mittwoch, 27. Juni 2012

Ein kleiner Unterschied ...

Ich behaupte ja, ich bin der deutschen Sprache mächtig. Böse Zungen behaupten sogar, ich wäre ihr sehr gut mächtig, vor allem dann, wenn ich geladen bin. Ich wurde auch mal "Volksverhetzer" genannt. Keine Ahnung, was aus dem Betroffenen geworden ist. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn nicht auf dem Gewissen habe. Ich bin auch situativer Pedant, auch als "Haarspalter" bekannt. Das ist aber ehrlich gesagt ziemlich nützlich. So auch in diesem Fall, wo wieder jemand Interpretationsspielraum gefunden hat, wo keiner sein sollte.

Unsere Sprache hat etwas ganz tolles, nämlich eine "Semantik". Was das ist? Das heißt "Bedeutungslehre". Neben dem guten alten Satzbau (Syntax) ist die Semantik so ziemlich das Wichtigste einer Sprache. Okay, die Pragmatik darf man auch nicht vergessen, aber diese Unterscheidung soll für diesen Text hier unwichtig sein.

Wenn ich nämlich "Butterbrot" hinschreibe, so haben die meisten eine Vorstellung davon, wie das Ding aussieht. Natürlich ist es nicht für alle dieselbe Vorstellung; die einen sehen Schwarzbrot, die anderen Vollkornbrot und wieder andere kennen nur Weißbrot. Auch die Dicke des idealen Aufstrichs wird sich ändern. Vielleicht haben einige sogar jetzt auch einfach nur Hunger. Aber unsere Vorstellungen vom Butterbrot ähneln sich alle irgendwie. Das ist auch wichtig, denn wenn dem nicht so wäre, hätten wir enorme Schwierigkeiten uns zu verständigen. Der Linguist faselt etwas von  "der übergreifenden Invarianz der Kernsemantik" des Begriffs Butterbrot. Oder wie eben schon gesagt: Wir alle verstehen unter dem Butterbrot in groben Zügen dasselbe.

Dass Semantik nicht immer so klar ist, erkennt man zum Beispiel am Begriff "U-Bahn". Das heißt eigentlich "Untergrund-Bahn"; spätestens aber, wenn man in Wien in fünf Metern Höhe über der Strasse mit der U-Bahn gefahren ist, wird man sich überlegen, ob der Begriff so glücklich gewählt ist. Selbiges gilt auch für Nürnberg, wo die Strecke von Fürth zum Hauptbahnhof auf weiten Strecken oberirdisch in der Mitte zwischen beiden Fahrbahnen läuft. 

Nach Deutschem Recht sind U-Bahnen nämlich --halten Sie sich fest-- "Bahnen besonderer Bauart, die ausschließlich oder überwiegend der Beförderung von Personen im Nahbereich dienen und nicht Bergbahnen oder Seilbahnen sind." (§ 4 PBefG). Im Gegensatz zur Strassenbahn hat eine U-Bahn aber von den Fahrbahnen abgetrennte Gleise, gesetzlich gilt die U-Bahn aber als Straßenbahn. Alles klar? Semantik ist nicht immer einfach, Nachschlagewerke sind deswegen auch voll davon.

Dennoch gibt es Bereiche,  wo die Semantik eigentlich eindeutig ist und wo man sich wundert, warum offensichtlich intelligente Menschen Probleme mit eben jener bzw. mit der Umsetzung derselben in die reale Welt haben. So zum Beispiel aus einer Beschwerdeordnung:
(1) Die Beschwerde kann eingestellt werden, wenn der Beschuldigte innerhalb einer Frist von selbst abhilft.
Sie erkennen den fehlenden Konjunktiv? Sie wissen, das ist das Zeugs mit dem komischen "hätte", "würde", "solle", müsse", usw. Also das, was in der deutschen Sprache (und in so einigen anderen) dafür da ist, wenn man ausdrücken will, dass man sich nicht so sicher ist. Dass eben jene Möglichkeitsform hier fehlt, war vermutlich Absicht, als der Satz formuliert wurde.

Wenn man mal etwas Juristendeutsch (aber nicht zu viel) einklopfen will:  Die Einstellung der Beschwerde ist dann und nur dann (okay, das ist eher  Mathematiker-Deutsch) zulässig, wenn der Beschuldigte eine Abhilfhandlung durchführt, bzw. bereits durchgeführt hat.

Wenn die Beschwerde also eingestellt wird, weil der Beschuldigte zusichert, dass er eventuell und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen würde (Sie haben das Würde sofort gesehen, gell?), dann äh ...  dann spricht der Logiker von "Inkohärenz" und der Jurist vermutlich von so etwas wie fehlender Erfüllung einer zwingenden Handlungsvorbedingung.

Wenn sich jemand inkohärent artikuliert, so redet er Unzusammenhängendes, nicht Zusammenpassendes. Wenn eine Aussage mit "eventuell" und "gegebenenfalls" (Möglichkeitsform) als Grundlage für eine Schlußfolgerung auf der Basis von "abhilft" (= da passiert real etwas) dienen soll, so passt das leider nicht wirklich zusammen

Ich könnte eventuell gegebenfalls auch Kanzler werden. So richtig wahrscheinlich ist das nicht, aber eventuell ...

Volker Pispers hat das mal auf die Spitze getrieben:

Können Sie ausschließen, daß Sie der nächste Kanzler werden? Nein - ausschließen kann ich es nicht - ich halte es für wahrscheinlicher, daß Johnny Depp Miss Piggy heiratet... aber ausschließen kann ich es nicht.

Aber gut: Never attribute to malice, what can be adequately described by negligence. (incompetence ist mir hier zu stark).

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