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Dienstag, 22. Mai 2012

Soziale Gefängnisse?


(1)
"Sie dürfen bei den Insassen ein Gefühl von Langeweile erzeugen, einen gewissen Grad der Angst, ein Gefühl der Willkür, dass ihr Leben völlig kontrolliert wird, von uns, vom System, von Ihnen, von mir ... dass sie nichts tun können, nichts sagen können, was wir nicht [ausdrücklich] erlauben."
(2)
"Wenn Sie hier weiter Unruhe stiften, werde ich Sie bestrafen!"
(3)
A) "Wo ist denn der Rainer?"
B) "Ja, der fehlt"
M) "Nein, der fehlt nicht. Den hab ich entsorgt, für weinerliche Jammerlappen ist hier kein Platz"
(4)
A) "Du kannst doch nicht so mit den Leuten umgehen!"
B) "Ach komm, wir müssen doch zusammenhalten gegen die!"
(5)
A) "Was sie denen antun ist schrecklich!"
B) "Wir müssen die Situation objektiv beurteilen. Ich sehe da keinen Handlungsbedarf. Da müssen sich schon mehr Leute beschweren, damit wir uns da eine objektive Meinung von den Vorfällen bilden können. Auf Zwistigkeiten zwischen Einzelnen können wir nicht eingehen, das müssen die unter sich ausmachen."

(6)
"In Hinsicht auf die Tätigkeit der Aufsichtspersonen können sie sich sicher sein, dass wir diese überwachen und bei Bedarf auch einschreiten werden. Vertrauen Sie uns einfach."


(A) Willkommen im Knast. Dies sind ihre Wärter. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, aber sie können sich sicher sein, dass wir sie überwachen.

(B) Willkommen auf unserer Plattform. Dies sind unsere Moderatoren. Sie können sich sicher sein, dass wir die Tätigkeit unser Moderatoren überwachen.

Bei (1) ist vermutlich klar, welchem Kontext die Aussage zuzuordnen ist. Bevor Sie weiter lesen: Versuchen sie eine Zuordnung von (2), (3), (4), (5) und (6) zu jeweils einer der Situationen (A) und (B).


(A)(B)
(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)




















Haben Sie eine Zuordnung gemacht? Wie schwer ist es Ihnen gefallen? Die Auflösung: (1) ist die übersetzte Fassung von Philip Zimbardos Aufforderung an die Teilnehmer des Stanford Prison Experiments (Original: [2]) . (2), (3), (4), und (6) sind Aussagen von Moderatoren/Helfern (2, 3, 4) beziehungsweise Betreibern (6) einer sozialen Plattform, bzw. eines Internet-Chats. (5) ist eine Kombination der Aussage von Christina Maslach über Ihre Rolle beim Stanford Prison Experiment und der Aussage eines Plattformbetreibers, warum er gegen wiederholte Übergriffe eines Moderators nicht vorging, bzw. immer noch nicht wirksam vorgeht. Die Zitate sind nicht wörtlich, aber nach bestem Gewissen  sinngemäß.

Wie oft haben Sie sich geirrt? Einmal? Zweimal? Haben Sie die Aussage (5), die ja aus beiden Situationen kombiniert wurde, eindeutig (A) oder (B) zugeordnet?

Natürlich ist diese Art von Test nicht sehr vielsagend. Besonders, wenn man ihn so manipuliert, wie ich. Dennoch sollte sie zum Nachdenken anregen, denn die natürliche Reaktion ist ja, eine Verbindung wegzuleugnen. Zum Beispiel mit den Argumenten, das Stanford Prison Experiment wäre ja eine "außerordentliche Situation" gewesen und "so etwas" würde im normalen Leben niemals passieren.

Doch das ist nur sehr bedingt richtig. Gruppendenke entsteht --wenn man sie nicht bewusst verhindert-- überall, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Und es wird immer Personen geben, die die Gruppensituation ohne Bedenken und moralische Skrupel für sich ausnutzen.

Und wie mir aus einem Vorfall inzwischen klar wurde: Die Verantwortlichen handeln nicht einmal dann, wenn ein Täter sich öffentlich mit seinen Taten brüstet und von sich gibt, keine Moral anzuerkennen und auch keine Reue zu empfinden.

Wie Hannah Arendt  [3] schon schloß: Wahre Bösartigkeit entsteht dadurch, dass Leute in Verantwortungspostionen wegschauen, dass sie sich selbst einreden, sie müssten nichts tun, dass sie die Dinge, die sie mit eigenen Augen sehen, im Kopf kleinreden oder sich denken "das ist nicht mein Bier" oder "ich mache hier nur meinen Job" oder "ich kann ohnehin nichts tun".



[1] Haslam, S. A. and Reicher, S.;Beyond the Banality of Evil: Three Dynamics of an Interactionist Social Psychology of Tyranny, Personality and Social Psychology Bulletin 2007 33 (2007)

[2] http://www.bbcprisonstudy.org/faq.php?p=84
You can create in the prisoners feelings of boredom, a sense of fear to some degree, you can create a notion of arbitrariness that their life is totally controlled by us, by the system, you, me … They can do nothing, say nothing, that we don't permit…

[3] Arendt, H. ; Eichmann in Jerusalem A Report on the Banality of Evil. Penguin Classics (2006), ISBN 978-0-14-303988-4

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