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Mittwoch, 30. Mai 2012

Manipulation par excellence

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in den letzten Jahren Beiträge meiner Freunde und Bekannten kommentiert habe, in denen sie sich über "A*schlöcher", "pampige Vollid*oten", "aggressive Proleten" und Ähnliches aufgeregt haben. Dabei sind diese Menschen allesamt harmlos, weil man ja immer recht früh merkt, dass sie einen an der Rübe haben^W --Verzeihung--, dass man auf Meinungs- und Verhaltensebene inkompatibel zu diesen Personen ist. Wirklich pestartig-nervig ist dagegen eine Untergruppe der menschenähnlichen Lebewesen auf diesem Planeten, für die es mehr als nur einen Namen gibt

  • oft heißen sie nur "psychologische Manipulatoren", was viel zu harmlos klingt
  • "maligner Narzisst" klingt hingegen auch ganz gut, man denkt an ein Hautekzem
  • in der Steigerungsform des "Soziopath" (oder gar "Psychopath") spiegelt sich  die gesamte Bandbreite der Bösartigkeit derartiger Personen wieder
  • George Simon [1] nennt sie "verdeckt aggressiv" (covert aggressive)
  • oder sogar allgemeiner, aber trotzdem noch treffender "charaktergestört" (character disturbed)
  • Marie-France Hirigoyen nennt sie ganz schmerzfrei "Perverse"

Es sind diese Menschen, die jeden Trick versuchen, um uns auf ihre Seite zu ziehen und uns auszunutzen. Und sie sind dabei oft so schleimig-freundlich dass man erst viel später (und einige gar nicht) merkt, dass man in die Irre geführt und von hinten bis vorn manipuliert worden ist. Dass etwas nicht stimmt, erkennt man zumeist erst im Konfliktfall, wenn die unsauberen Spielchen des Manipulators auffliegen.

Das Königsrezept gegen die meisten Arten von Manipulation ist eine offene Umgebung, die Meinungen und Kritk nicht unterdrückt oder ignoriert, sondern zulässt, dass auch strittige Themen offen ausdiskutiert werden.

Meine persönliche Grundregel ist daher inzwischen:
Wird ein Kritikpunkt nicht offen diskutiert, sondern
  • die Diskussion verweigert (z.B. durch Totschweigen, Verharmlosen, Abwiegeln, Aggression, (Pseudo-)Rationalisierung, ...)
  • und/oder verdeckt gehandelt (z.B. durch Lügen, Streuen von Misinformation, ...) 
liegt eine aggressive Manipulation vor.
Als eine gute Heuristik hat sich denn auch herausgestellt, den Hauptschuldigen dort zu suchen, wo am stärksten versucht wird (und sei es durch Totschweigen des Problems) zu vertuschen und/oder zu verharmlosen. Dieser Punkt ist also entweder bei den Beteiligten dort zu suchen, wo sich ein Betroffener am wenigsten echauffiert (der Manipulator wird den Teufel tun und sich zu erkennen geben) oder dort, wo am lautesten "ich bin das größte Opfer" geschrien wird (damit lenkt der Manipulator davon ab, dass er eigentlich der Täter ist). Nagelt man diese Leute fest und merkt dabei, dass sie sich nicht an einer gemeinschaftlichen Auflösung der Spannungsverhältnisse beteiligen wollen, hat man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Manipulator oder wenigstens einen der Mitschuldigen gefunden.

Dabei gibt es so einige Tricks, mit denen man sich um die Verantwortungsübernahme drückt:

Das schüchterne Unschuldslamm

Stille Wasser sind tief. Das gilt im Prinzip nur für Flüsse, bei Menschen, die in Konfliktsituationen still (und leidend) in einer Ecke sitzen gilt allerdings oft eher: "Stille Wasser sind dreckig". Mit ihrem "Schau mich doch an, ich bin doch so harmlos, wie kann ich da mit Schuld sein?"-Verhalten versuchen diese Personen sachliche Vorwürfe auf der emotionalen Ebene abzublocken. Mit diesem Trick kommen vor allem Frauen recht häufig zum Ziel, namentlich dass sich ihre Umwelt für sie einsetzt, obwohl sachlich alles darauf hindeutet, dass die Schuld bei ihr liegt.

In diesem Sinne:
"Du hast mich wie einen Hund behandelt, mir ging es danach monatelang richtig dreckig!"
"Äh, Du hast mich dumm angemacht und Dich dafür nicht einmal entschuldigt, als ich Dich angesprochen habe. Daraufhin habe ich Dir die Freundschaft gekündigt. Ich habe vielleicht heftig reagiert, aber ich stehe zu meiner Meinung."

"Und jetzt versuchst Du, wieder gut Wetter zu machen, oder was?!?"

Derartige Manipulatoren sind Meister darin, das Mitgefühl ihrer Umgebung zu aktivieren und für sich auszunutzen. Mit der "Ich armes kleines Mädchen"-Masche zieht man die Leute, denen man etwas bedeutet von der Sachebene auf die Gefühls- und Beziehungsebene. Das eigene, wenn auch vielleicht unechte oder selbstverschuldete Leiden wird in den Vordergrund geschoben und so die sachliche Einschätzung des Vorfälle verhindert.

Wussten Sie, dass, wenn man Lügengeschichten (allgemein und vor allem über Dritte) erzählt und einen dann jemand --auf völlig legalem Wege-- eine der Lügengeschichten um die Ohren haut, derjenige ein bösartiger "Stalker" und "Datensammler" ist? Aber klar, das arme, gedemütigte Mädchen wäre doch "so nett" und "hätte halt gewisse Ängste". Aber man gibt halt ungern zu, dass man die ganze Zeit über belogen worden sein könnte. Appeal to pity heißt der Trick übrigens: "Allein die Behauptung, dass ich das gemacht haben soll, setzt mir so zu, dass ich das kaum aushalte!"

Firmament, Gesäss und Nähgarn ... als Außenstehenden fragt man sich bei so etwas dann nur, wie man als Beteiligter auf diese Manipulationen überhaupt hereinfallen kann. Der Trick ist nämlich älter als die Bibel.

Wieseln und Ablenken

Dass man Politiker in die Ecke gedrängt hat, merkt man, wenn sie aufhören, die Fragen zu beantworten. Dann wird schwadroniert, abgelenkt oder plötzlich etwas ganz anderes erzählt. Das Ziel ist es, das Gegenüber möglichst schnell von dem unangenehmen Thema wegzubringen, denn dort droht eventuell Gefahr.
Im Allgemeinen heißt dieses Vorgehen "Fogging". Ich persönlich nenne es "Wieseln", denn wenn man auf einer Behandlung des Themas besteht und das Gegenüber keinen Ausweg sieht, kann man regelrecht beobachten, wie es sich  gefangenes Wiesel herauszuwinden versucht. Man findet diese Menschen oft auf der Anklagebank in Gerichtssälen, einige unserer Zeitgenossen scheinen aber dauernd in einer derartigen Welt zu leben. Man kommt sich dabei irgendwie vor wie bei den Beleidungs-Schwertgefechten von Monkey-Island. Derartig blockiert zu werden wirkt frustrierend und macht aggressiv, was dann genau das ist, was der Manipulator will: Dass man die Beherrschung verliert.
In diesem Sinne: "Hinter Dir! Ein dreiköpfiger Affe!


Totschweigen, bzw. Aussitzen

Dies ist im Prinzip die Version des Wieselns für die weniger wortgewandten Manipulatoren. Das Englische hat einen wunderbaren Begriff dafür, der die passive Aggression, die dahinter steckt schön zum Tragen bringt: Stonewalling. Im Gegenzug zu der landläufigen Meinung, hier würde Kommunikation verweigert, ist das nicht ganz richtig. Es wird nur die sachliche Auseinandersetzung verweigert, alle anderen Kanäle (Mimik, Gestik, ...) senden überdeutlich die Botschaft "Du kannst mich mal".

Und es funktioniert, denn unser Wutgedächtnis ist oft kurz. Auf etwas wütend sein kostet viel Energie, die man gerne anderweitig einsetzt. Schaltet der Aggressor auf durchzug, argumentiert man sich gerne die Notwendigkeit  eines Vorgehens weg. Beobachten kann man das oft im Strassenverkehr: Wird man zum Beispiel auf der Autobahn geschnitten, kocht das Gemüt gerne mal sehr schnell. Ein paar Minuten später haben sie den Vorfall (wenn sie keine emotionalen Störungen haben) längst wieder vergessen. Und schon Seneca schrieb:


"Das größte Gegenmittel gegen den Zorn ist der Aufschub."
-- Lucius Annaeus Seneca


Äußert sich der Täter also gar nicht zu Vorwürfen, ebbt oft die Wut des Geschädigten schnell ab. Das Paradebeispiel für Aussitzverhalten ist der allgemeinen Meinung nach wohl Dr. Helmut Kohl, der Trick ist aber bei allen "Saumägen"  derselbe: Man äußere sich nie zu Vorwürfen. Wenn man nicht  dazu gezwungen wird, passiert dann auch in den meisten Fällen nach dem ersten Sturm der Entrüstung nichts mehr weiter. Man trete einfach weiterhin sorglos und ohne jegliches Schuldbewusstsein, Den Ärger, auf ihrem Recht zu bestehen und gegen das Unrecht vorzugehen sparen sich die meisten und so kommt der Manipulator immer wieder um die längst fällige Bestrafung herum. "Es gibt nichts, was man nicht ignorieren kann".

Ein derartiger Manipulator nutzt bewusst die Scheu seiner Opfer vor risikoreicheren Schritten dazu aus, um sich immer wieder rechtswidrig zu verhalten. "Frechheit siegt", bzw. in dem Fall "verdeckte Aggression reicht sehr weit". Natürlich kann man derartige Menschen zu einer Stellungnahme zwingen (über eine Klage), aber die meisten Opfer sind am Anfang derart perplex und überrascht von der plötzlichen Bösartigkeit (die versteckt schon immer da war, man hat nur nicht genau hingesehen), dass sie zunächst nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

Führt Euch nicht so auf

Der Täter bezeichnet seine eigenen Übergriffe immer wieder als "Kleinigkeiten" und das Opfer solle selbige einfach vergessen und endlich Ruhe geben. Es findet sich beim Täter also keinerlei erkennbares Unrechtsbewusstsein, stattdessen ein Verharmlosen seiner eigenen Verhaltensweisen, oft sogar wiederholter Straftaten. Dem Opfer werden Schuldgefühle eingeredet, weil es sich angeblich "viel zu wichtig nimmt". Deutlicher als auf diese Weise kann man die Selbstzweifel und das schlechte Gewissen des Gegenübers nicht gegen es verwende

Wussten Sie, dass "Hey, A*schloch" keine Beleidigung ist? Und das "... sonst  werde ich Dich bezahlen lassen" keine versuchte Nötigung, sondern eine einfache Bitte ist? Und dass es eine Straftat wäre, wenn man die Behauptung aufstellt, dem wäre doch so?

Der Trick ist hierbei immer, die eigene Verantwortung herabzuspielen, bzw. die eigenen Fehlleistungen soweit als möglich zu verharmlosen und den anderen als überempfindlich oder gar geistesgestört hinzustellen. Direktes argumentum ad hominem nennt der Philosoph diesen Akt der psychischen Gewalt.

Getötet wird von Hinten

Doppelzüngigkeit, also nach außen mit freundlichem Lächeln aufzutreten und hintenrum zu agieren ist sehr typisch für Manipulatoren. Man merkt das dann auch an ihren Begründungen "Ich bin nicht dafür verantwortlich, was andere tun". Am liebsten ist es den perversen Manipulatoren nämlich, wenn andere Ihre Drecksarbeit erledigen. Erinnern sie sich an das "arme, mißhandelte Mädchen" oben? Neben der offensichtlichen Aufmerksamkeit, die man so einkassieren kann, gibt es auch immer den einen oder anderen, der das arme Mädchen dann verteidigen muss. Der eigentliche Täter profitiert daraus gleich doppelt: Dadurch dass er jetzt nicht mehr alleine seine Position verteidigt, wird sein Ego gestärkt (narcisstic supply) und er muss sich nicht einmal selbst die Hände schmutzig machen, um das Opfer fertigzumachen. Besser kann es gar doch nicht laufen. Und man musste dafür nur ein wenig auf die Tränendrüse drücken.

Den Beschützer versorgt man dann natürlich nur allzugerne mit "Material" über das böse, böse Opfer. Man kann also die Maske aufrecht erhalten und indirekt dennoch seine Wut am Opfer ausleben. Aber so schlau waren andere auch: Das StGB kennt den Begriffe der "Beihilfe" (§27 StGB), und das BGB stellt Anstifter, Gehilfen und Mittäter gar auf dieselbe Stufe der Verantwortung (§830 BGB).

... und noch viele mehr


Dies sind nur Beispiele für bösartige Manipulationstaktiken einiger unserer weniger sozialen Mitbürger. Es gibt  inzwischen zahlreiche Ratgeberbücher, in denen man sich informieren kann, wie man derartige Manipulationsversuche aufdeckt und wie man sich auch wehren kann.

Außerdem ist es so, dass man relativ schnell ein inneres Alarmsystem dafür entwickelt, welche Verhaltensweisen bedenklich sind. Leider ist es oft so, dass einige Manipulatoren gut darin sind, die Umgebung zu aktivieren. Das klappt besonders in lockeren Gruppen ohne größere innere Bindung, aber mit einem mehr oder weniger klaren Feindbild nach außen.  Gerade die beschnittenen Kommunikationsmöglichkeiten bei Internetgruppen nutzen so einige skrupellose Manipulatoren gerne für sich aus. Hier müssen sie dann nicht auf allen Ebenen Schauspielern und sich jederzeit einer Konfrontation entziehen (Stonewalling). Wird man indirektes Opfer einer derartigen Manipulation, greifen aber leider die Ratgeber nicht mehr, da man ja nicht gegen den Täter selbst, sondern gegen eines seiner manipulierten "Ausführungsorgane" zu tun hat. Hier wird also zusätzlicher Nebel aufgebaut, um den waren Urheber der aggressiven Manipulation zu verschleiern.

Und es ist schon irgendwie traurig, wie schnell sich viele Menschen von oberflächlicher Freundlichkeit einlullen lassen.




[1] Simon, G K; In Sheep's Clothing: Understanding and Dealing with Manipulative People;  A. J. Christopher & Company (2010), ISBN 978-1935166306

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