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Mittwoch, 30. Mai 2012

Manipulation par excellence

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in den letzten Jahren Beiträge meiner Freunde und Bekannten kommentiert habe, in denen sie sich über "A*schlöcher", "pampige Vollid*oten", "aggressive Proleten" und Ähnliches aufgeregt haben. Dabei sind diese Menschen allesamt harmlos, weil man ja immer recht früh merkt, dass sie einen an der Rübe haben^W --Verzeihung--, dass man auf Meinungs- und Verhaltensebene inkompatibel zu diesen Personen ist. Wirklich pestartig-nervig ist dagegen eine Untergruppe der menschenähnlichen Lebewesen auf diesem Planeten, für die es mehr als nur einen Namen gibt

  • oft heißen sie nur "psychologische Manipulatoren", was viel zu harmlos klingt
  • "maligner Narzisst" klingt hingegen auch ganz gut, man denkt an ein Hautekzem
  • in der Steigerungsform des "Soziopath" (oder gar "Psychopath") spiegelt sich  die gesamte Bandbreite der Bösartigkeit derartiger Personen wieder
  • George Simon [1] nennt sie "verdeckt aggressiv" (covert aggressive)
  • oder sogar allgemeiner, aber trotzdem noch treffender "charaktergestört" (character disturbed)
  • Marie-France Hirigoyen nennt sie ganz schmerzfrei "Perverse"

Es sind diese Menschen, die jeden Trick versuchen, um uns auf ihre Seite zu ziehen und uns auszunutzen. Und sie sind dabei oft so schleimig-freundlich dass man erst viel später (und einige gar nicht) merkt, dass man in die Irre geführt und von hinten bis vorn manipuliert worden ist. Dass etwas nicht stimmt, erkennt man zumeist erst im Konfliktfall, wenn die unsauberen Spielchen des Manipulators auffliegen.

Das Königsrezept gegen die meisten Arten von Manipulation ist eine offene Umgebung, die Meinungen und Kritk nicht unterdrückt oder ignoriert, sondern zulässt, dass auch strittige Themen offen ausdiskutiert werden.

Meine persönliche Grundregel ist daher inzwischen:
Wird ein Kritikpunkt nicht offen diskutiert, sondern
  • die Diskussion verweigert (z.B. durch Totschweigen, Verharmlosen, Abwiegeln, Aggression, (Pseudo-)Rationalisierung, ...)
  • und/oder verdeckt gehandelt (z.B. durch Lügen, Streuen von Misinformation, ...) 
liegt eine aggressive Manipulation vor.
Als eine gute Heuristik hat sich denn auch herausgestellt, den Hauptschuldigen dort zu suchen, wo am stärksten versucht wird (und sei es durch Totschweigen des Problems) zu vertuschen und/oder zu verharmlosen. Dieser Punkt ist also entweder bei den Beteiligten dort zu suchen, wo sich ein Betroffener am wenigsten echauffiert (der Manipulator wird den Teufel tun und sich zu erkennen geben) oder dort, wo am lautesten "ich bin das größte Opfer" geschrien wird (damit lenkt der Manipulator davon ab, dass er eigentlich der Täter ist). Nagelt man diese Leute fest und merkt dabei, dass sie sich nicht an einer gemeinschaftlichen Auflösung der Spannungsverhältnisse beteiligen wollen, hat man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Manipulator oder wenigstens einen der Mitschuldigen gefunden.

Dabei gibt es so einige Tricks, mit denen man sich um die Verantwortungsübernahme drückt:

Das schüchterne Unschuldslamm

Stille Wasser sind tief. Das gilt im Prinzip nur für Flüsse, bei Menschen, die in Konfliktsituationen still (und leidend) in einer Ecke sitzen gilt allerdings oft eher: "Stille Wasser sind dreckig". Mit ihrem "Schau mich doch an, ich bin doch so harmlos, wie kann ich da mit Schuld sein?"-Verhalten versuchen diese Personen sachliche Vorwürfe auf der emotionalen Ebene abzublocken. Mit diesem Trick kommen vor allem Frauen recht häufig zum Ziel, namentlich dass sich ihre Umwelt für sie einsetzt, obwohl sachlich alles darauf hindeutet, dass die Schuld bei ihr liegt.

In diesem Sinne:
"Du hast mich wie einen Hund behandelt, mir ging es danach monatelang richtig dreckig!"
"Äh, Du hast mich dumm angemacht und Dich dafür nicht einmal entschuldigt, als ich Dich angesprochen habe. Daraufhin habe ich Dir die Freundschaft gekündigt. Ich habe vielleicht heftig reagiert, aber ich stehe zu meiner Meinung."

"Und jetzt versuchst Du, wieder gut Wetter zu machen, oder was?!?"

Derartige Manipulatoren sind Meister darin, das Mitgefühl ihrer Umgebung zu aktivieren und für sich auszunutzen. Mit der "Ich armes kleines Mädchen"-Masche zieht man die Leute, denen man etwas bedeutet von der Sachebene auf die Gefühls- und Beziehungsebene. Das eigene, wenn auch vielleicht unechte oder selbstverschuldete Leiden wird in den Vordergrund geschoben und so die sachliche Einschätzung des Vorfälle verhindert.

Wussten Sie, dass, wenn man Lügengeschichten (allgemein und vor allem über Dritte) erzählt und einen dann jemand --auf völlig legalem Wege-- eine der Lügengeschichten um die Ohren haut, derjenige ein bösartiger "Stalker" und "Datensammler" ist? Aber klar, das arme, gedemütigte Mädchen wäre doch "so nett" und "hätte halt gewisse Ängste". Aber man gibt halt ungern zu, dass man die ganze Zeit über belogen worden sein könnte. Appeal to pity heißt der Trick übrigens: "Allein die Behauptung, dass ich das gemacht haben soll, setzt mir so zu, dass ich das kaum aushalte!"

Firmament, Gesäss und Nähgarn ... als Außenstehenden fragt man sich bei so etwas dann nur, wie man als Beteiligter auf diese Manipulationen überhaupt hereinfallen kann. Der Trick ist nämlich älter als die Bibel.

Wieseln und Ablenken

Dass man Politiker in die Ecke gedrängt hat, merkt man, wenn sie aufhören, die Fragen zu beantworten. Dann wird schwadroniert, abgelenkt oder plötzlich etwas ganz anderes erzählt. Das Ziel ist es, das Gegenüber möglichst schnell von dem unangenehmen Thema wegzubringen, denn dort droht eventuell Gefahr.
Im Allgemeinen heißt dieses Vorgehen "Fogging". Ich persönlich nenne es "Wieseln", denn wenn man auf einer Behandlung des Themas besteht und das Gegenüber keinen Ausweg sieht, kann man regelrecht beobachten, wie es sich  gefangenes Wiesel herauszuwinden versucht. Man findet diese Menschen oft auf der Anklagebank in Gerichtssälen, einige unserer Zeitgenossen scheinen aber dauernd in einer derartigen Welt zu leben. Man kommt sich dabei irgendwie vor wie bei den Beleidungs-Schwertgefechten von Monkey-Island. Derartig blockiert zu werden wirkt frustrierend und macht aggressiv, was dann genau das ist, was der Manipulator will: Dass man die Beherrschung verliert.
In diesem Sinne: "Hinter Dir! Ein dreiköpfiger Affe!


Totschweigen, bzw. Aussitzen

Dies ist im Prinzip die Version des Wieselns für die weniger wortgewandten Manipulatoren. Das Englische hat einen wunderbaren Begriff dafür, der die passive Aggression, die dahinter steckt schön zum Tragen bringt: Stonewalling. Im Gegenzug zu der landläufigen Meinung, hier würde Kommunikation verweigert, ist das nicht ganz richtig. Es wird nur die sachliche Auseinandersetzung verweigert, alle anderen Kanäle (Mimik, Gestik, ...) senden überdeutlich die Botschaft "Du kannst mich mal".

Und es funktioniert, denn unser Wutgedächtnis ist oft kurz. Auf etwas wütend sein kostet viel Energie, die man gerne anderweitig einsetzt. Schaltet der Aggressor auf durchzug, argumentiert man sich gerne die Notwendigkeit  eines Vorgehens weg. Beobachten kann man das oft im Strassenverkehr: Wird man zum Beispiel auf der Autobahn geschnitten, kocht das Gemüt gerne mal sehr schnell. Ein paar Minuten später haben sie den Vorfall (wenn sie keine emotionalen Störungen haben) längst wieder vergessen. Und schon Seneca schrieb:


"Das größte Gegenmittel gegen den Zorn ist der Aufschub."
-- Lucius Annaeus Seneca


Äußert sich der Täter also gar nicht zu Vorwürfen, ebbt oft die Wut des Geschädigten schnell ab. Das Paradebeispiel für Aussitzverhalten ist der allgemeinen Meinung nach wohl Dr. Helmut Kohl, der Trick ist aber bei allen "Saumägen"  derselbe: Man äußere sich nie zu Vorwürfen. Wenn man nicht  dazu gezwungen wird, passiert dann auch in den meisten Fällen nach dem ersten Sturm der Entrüstung nichts mehr weiter. Man trete einfach weiterhin sorglos und ohne jegliches Schuldbewusstsein, Den Ärger, auf ihrem Recht zu bestehen und gegen das Unrecht vorzugehen sparen sich die meisten und so kommt der Manipulator immer wieder um die längst fällige Bestrafung herum. "Es gibt nichts, was man nicht ignorieren kann".

Ein derartiger Manipulator nutzt bewusst die Scheu seiner Opfer vor risikoreicheren Schritten dazu aus, um sich immer wieder rechtswidrig zu verhalten. "Frechheit siegt", bzw. in dem Fall "verdeckte Aggression reicht sehr weit". Natürlich kann man derartige Menschen zu einer Stellungnahme zwingen (über eine Klage), aber die meisten Opfer sind am Anfang derart perplex und überrascht von der plötzlichen Bösartigkeit (die versteckt schon immer da war, man hat nur nicht genau hingesehen), dass sie zunächst nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

Führt Euch nicht so auf

Der Täter bezeichnet seine eigenen Übergriffe immer wieder als "Kleinigkeiten" und das Opfer solle selbige einfach vergessen und endlich Ruhe geben. Es findet sich beim Täter also keinerlei erkennbares Unrechtsbewusstsein, stattdessen ein Verharmlosen seiner eigenen Verhaltensweisen, oft sogar wiederholter Straftaten. Dem Opfer werden Schuldgefühle eingeredet, weil es sich angeblich "viel zu wichtig nimmt". Deutlicher als auf diese Weise kann man die Selbstzweifel und das schlechte Gewissen des Gegenübers nicht gegen es verwende

Wussten Sie, dass "Hey, A*schloch" keine Beleidigung ist? Und das "... sonst  werde ich Dich bezahlen lassen" keine versuchte Nötigung, sondern eine einfache Bitte ist? Und dass es eine Straftat wäre, wenn man die Behauptung aufstellt, dem wäre doch so?

Der Trick ist hierbei immer, die eigene Verantwortung herabzuspielen, bzw. die eigenen Fehlleistungen soweit als möglich zu verharmlosen und den anderen als überempfindlich oder gar geistesgestört hinzustellen. Direktes argumentum ad hominem nennt der Philosoph diesen Akt der psychischen Gewalt.

Getötet wird von Hinten

Doppelzüngigkeit, also nach außen mit freundlichem Lächeln aufzutreten und hintenrum zu agieren ist sehr typisch für Manipulatoren. Man merkt das dann auch an ihren Begründungen "Ich bin nicht dafür verantwortlich, was andere tun". Am liebsten ist es den perversen Manipulatoren nämlich, wenn andere Ihre Drecksarbeit erledigen. Erinnern sie sich an das "arme, mißhandelte Mädchen" oben? Neben der offensichtlichen Aufmerksamkeit, die man so einkassieren kann, gibt es auch immer den einen oder anderen, der das arme Mädchen dann verteidigen muss. Der eigentliche Täter profitiert daraus gleich doppelt: Dadurch dass er jetzt nicht mehr alleine seine Position verteidigt, wird sein Ego gestärkt (narcisstic supply) und er muss sich nicht einmal selbst die Hände schmutzig machen, um das Opfer fertigzumachen. Besser kann es gar doch nicht laufen. Und man musste dafür nur ein wenig auf die Tränendrüse drücken.

Den Beschützer versorgt man dann natürlich nur allzugerne mit "Material" über das böse, böse Opfer. Man kann also die Maske aufrecht erhalten und indirekt dennoch seine Wut am Opfer ausleben. Aber so schlau waren andere auch: Das StGB kennt den Begriffe der "Beihilfe" (§27 StGB), und das BGB stellt Anstifter, Gehilfen und Mittäter gar auf dieselbe Stufe der Verantwortung (§830 BGB).

... und noch viele mehr


Dies sind nur Beispiele für bösartige Manipulationstaktiken einiger unserer weniger sozialen Mitbürger. Es gibt  inzwischen zahlreiche Ratgeberbücher, in denen man sich informieren kann, wie man derartige Manipulationsversuche aufdeckt und wie man sich auch wehren kann.

Außerdem ist es so, dass man relativ schnell ein inneres Alarmsystem dafür entwickelt, welche Verhaltensweisen bedenklich sind. Leider ist es oft so, dass einige Manipulatoren gut darin sind, die Umgebung zu aktivieren. Das klappt besonders in lockeren Gruppen ohne größere innere Bindung, aber mit einem mehr oder weniger klaren Feindbild nach außen.  Gerade die beschnittenen Kommunikationsmöglichkeiten bei Internetgruppen nutzen so einige skrupellose Manipulatoren gerne für sich aus. Hier müssen sie dann nicht auf allen Ebenen Schauspielern und sich jederzeit einer Konfrontation entziehen (Stonewalling). Wird man indirektes Opfer einer derartigen Manipulation, greifen aber leider die Ratgeber nicht mehr, da man ja nicht gegen den Täter selbst, sondern gegen eines seiner manipulierten "Ausführungsorgane" zu tun hat. Hier wird also zusätzlicher Nebel aufgebaut, um den waren Urheber der aggressiven Manipulation zu verschleiern.

Und es ist schon irgendwie traurig, wie schnell sich viele Menschen von oberflächlicher Freundlichkeit einlullen lassen.

Dienstag, 22. Mai 2012

Soziale Gefängnisse?


(1)
"Sie dürfen bei den Insassen ein Gefühl von Langeweile erzeugen, einen gewissen Grad der Angst, ein Gefühl der Willkür, dass ihr Leben völlig kontrolliert wird, von uns, vom System, von Ihnen, von mir ... dass sie nichts tun können, nichts sagen können, was wir nicht [ausdrücklich] erlauben."
(2)
"Wenn Sie hier weiter Unruhe stiften, werde ich Sie bestrafen!"
(3)
A) "Wo ist denn der Rainer?"
B) "Ja, der fehlt"
M) "Nein, der fehlt nicht. Den hab ich entsorgt, für weinerliche Jammerlappen ist hier kein Platz"
(4)
A) "Du kannst doch nicht so mit den Leuten umgehen!"
B) "Ach komm, wir müssen doch zusammenhalten gegen die!"
(5)
A) "Was sie denen antun ist schrecklich!"
B) "Wir müssen die Situation objektiv beurteilen. Ich sehe da keinen Handlungsbedarf. Da müssen sich schon mehr Leute beschweren, damit wir uns da eine objektive Meinung von den Vorfällen bilden können. Auf Zwistigkeiten zwischen Einzelnen können wir nicht eingehen, das müssen die unter sich ausmachen."

(6)
"In Hinsicht auf die Tätigkeit der Aufsichtspersonen können sie sich sicher sein, dass wir diese überwachen und bei Bedarf auch einschreiten werden. Vertrauen Sie uns einfach."


(A) Willkommen im Knast. Dies sind ihre Wärter. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, aber sie können sich sicher sein, dass wir sie überwachen.

(B) Willkommen auf unserer Plattform. Dies sind unsere Moderatoren. Sie können sich sicher sein, dass wir die Tätigkeit unser Moderatoren überwachen.

Bei (1) ist vermutlich klar, welchem Kontext die Aussage zuzuordnen ist. Bevor Sie weiter lesen: Versuchen sie eine Zuordnung von (2), (3), (4), (5) und (6) zu jeweils einer der Situationen (A) und (B).


(A)(B)
(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(6)




















Haben Sie eine Zuordnung gemacht? Wie schwer ist es Ihnen gefallen? Die Auflösung: (1) ist die übersetzte Fassung von Philip Zimbardos Aufforderung an die Teilnehmer des Stanford Prison Experiments (Original: [2]) . (2), (3), (4), und (6) sind Aussagen von Moderatoren/Helfern (2, 3, 4) beziehungsweise Betreibern (6) einer sozialen Plattform, bzw. eines Internet-Chats. (5) ist eine Kombination der Aussage von Christina Maslach über Ihre Rolle beim Stanford Prison Experiment und der Aussage eines Plattformbetreibers, warum er gegen wiederholte Übergriffe eines Moderators nicht vorging, bzw. immer noch nicht wirksam vorgeht. Die Zitate sind nicht wörtlich, aber nach bestem Gewissen  sinngemäß.

Wie oft haben Sie sich geirrt? Einmal? Zweimal? Haben Sie die Aussage (5), die ja aus beiden Situationen kombiniert wurde, eindeutig (A) oder (B) zugeordnet?

Natürlich ist diese Art von Test nicht sehr vielsagend. Besonders, wenn man ihn so manipuliert, wie ich. Dennoch sollte sie zum Nachdenken anregen, denn die natürliche Reaktion ist ja, eine Verbindung wegzuleugnen. Zum Beispiel mit den Argumenten, das Stanford Prison Experiment wäre ja eine "außerordentliche Situation" gewesen und "so etwas" würde im normalen Leben niemals passieren.

Doch das ist nur sehr bedingt richtig. Gruppendenke entsteht --wenn man sie nicht bewusst verhindert-- überall, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Und es wird immer Personen geben, die die Gruppensituation ohne Bedenken und moralische Skrupel für sich ausnutzen.

Und wie mir aus einem Vorfall inzwischen klar wurde: Die Verantwortlichen handeln nicht einmal dann, wenn ein Täter sich öffentlich mit seinen Taten brüstet und von sich gibt, keine Moral anzuerkennen und auch keine Reue zu empfinden.

Wie Hannah Arendt  [3] schon schloß: Wahre Bösartigkeit entsteht dadurch, dass Leute in Verantwortungspostionen wegschauen, dass sie sich selbst einreden, sie müssten nichts tun, dass sie die Dinge, die sie mit eigenen Augen sehen, im Kopf kleinreden oder sich denken "das ist nicht mein Bier" oder "ich mache hier nur meinen Job" oder "ich kann ohnehin nichts tun".

Montag, 21. Mai 2012

Hosti nix schuld?

Der BGH verwendet Arial und Word 2010. So ergibt es sich zumindest aus den Metadaten einer veröffentlichten Entscheidung.

Das ist natürlich nicht das Interessante an dem besagten Dokument. Das besagte Urteil ist aus dem Oktober 2011 und hätte die Betreiber von Internet-Plattformen eigentlich aufhorchen lassen müssen. Das unscheinbare Aktenzeichen VI ZR 93/10 (pdf aus der Entscheidungsdatenbank des BGH, Verwendung nur für persönliche Zwecke; für gewerbliche Zwecke: 2,50 €) enthält nämlich eine wichtige Grundsatzaussagen, so unter anderem:

aa) Ein Hostprovider ist nicht verpflichtet, die von den Nutzern in das
Netz gestellten Beiträge vor der Veröffentlichung auf eventuelle Rechtsverlet[-]zungen zu überprüfen. Er ist aber verantwortlich, sobald er Kenntnis von der Rechtsverletzung erlangt.
(Absatz 24, Seite 11).

Das war vorher schon so und ist auch im Telemediengesetz (TMG) so festgeschrieben. Ein Hoster muss Beiträge seiner Nutzer nicht kontrollieren, allerdings haftet er für die Verbreitung der rechtswidriger Beiträge, sobald er davon Kenntnis erlangt.

Viel interessanter ist daher, dass der BGH den Hostingprovidern sogar Verhaltensrichtlinien an die Hand gibt, wie sie Beschwerden gegen benutzergenerierte Inhalte abzuhandeln haben (Fettdruck zur Markierung von mir):

[...] bb) Ist der Provider mit der Beanstandung eines Betroffenen konfrontiert, die richtig oder falsch sein kann, ist eine Ermittlung und Bewertung des gesamten Sach[-]verhalts unter Berücksichtigung einer etwaigen Stellungnahme des für den Blog Verantwortlichen erforderlich. Hiernach ergeben sich für den Provider regelmä[-]ßig folgende Pflichten: (Absatz 25, Seite 12)

Ein Tätigwerden des Hostproviders ist nur veranlasst, wenn der Hinweis so konkret gefasst ist, dass der Rechtsverstoß auf der Grundlage der Behaup[-]tungen des Betroffenen unschwer - das heißt ohne eingehende rechtliche und tatsächliche Überprüfung - bejaht werden kann. [...] (Absatz 26, Seite 12)

Regelmäßig ist zunächst die Beanstandung des Betroffenen an den für den Blog Verantwortlichen zur Stellungnahme weiterzuleiten. Bleibt eine Stel[-]lungnahme innerhalb einer nach den Umständen angemessenen Frist aus, ist von der Berechtigung der Beanstandung auszugehen und der beanstandete Eintrag zu löschen. Stellt der für den Blog Verantwortliche die Berechtigung der Beanstandung substantiiert in Abrede und ergeben sich deshalb berechtigte Zweifel, ist der Provider grundsätzlich gehalten, dem Betroffenen dies mitzutei[-]len und gegebenenfalls Nachweise zu verlangen, aus denen sich die behaupte[-]te Rechtsverletzung ergibt.
(Absatz 27, Seite 12)

Hinweise auf Rechtsverstösse müssen also so verfasst sein, dass Hostingprovider eindeutig erkennen können, dass es sich um Rechtsverstösse handelt. Ich gehe einmal (IANAL!) davon aus, dass Zitate wie "hat mich da und da als xy bezeichnet", "hat an Stelle xy folgende, unwahre Behauptung aufgestellt", etc. hier mehr als nur ausreichend sind. Wenn der Betreiber die Beschwerde als rechtmässig ansieht, hat er jetzt also die Möglichkeit zu löschen.
Sinnvoll wäre es für ihn aber in jedem Fall, dass er den Verfasser, bzw. Verantwortlichen von der Rechtsverletzung informiert und zur Stellungnahme auffordert. Den das einfache Löschen eines Beitrags stellt einen potentiellen Vertragsbruch dar, wenn sich später herausstellt, dass keine Rechtsverletzung vorlag. Dass Provider nicht einfach löschen und sperren dürfen, wie sie gerade lustig sind, hat auch der Verbraucherschutz bereits angemahnt.
Eine Information des Verantwortlichen über die Vorwürfe gegen ihn ist aber auch gleich doppelt sinnvoll, da sowohl der Verantwortliche als auch der Betreiber alles Zumutbare zu unternehmen haben, um weitere, ähnlich gelagerte Vorfälle auszuschließen. Wird dem Verantwortlichen aber niemals der Grund für das gegen ihn gerichtete Vorgehen mitgeteilt, bekommt dieser oft gar nicht mit, was ihm eigentlich vorgeworfen wird.

Als Dritter Vorteil dieses Vorgehens wäre zu nennen, dass der Verantwortliche auch selbst Abhilfe schaffen und den Beitrag ohne Löschung "entschärfen" kann. Im Sinne eines respektvollen Umgangs miteinander würde ich sogar diese Möglichkeit noch offen lassen. Dies stellt natürlich ein Risiko für den Hoster dar; wer nicht zeitnah reagiert haftet eventuell als Störer. Besser als Ignorieren einer Beschwerde ist es allemal.

Hostingprovider täten also gut daran, sich an die Richtlinien des BGH zu halten und sogar darüber hinaus besser zu kommunizieren, anstatt sich der Gefahr einer gerichtlichen Entscheidung gegen sie auszusetzen.

Ich halte folgendes daher für sinnvoll:
  • Rechtsverletzung wird dem Verantwortlichen/Urheber zur Stellungnahme mitgeteilt. Dieser kann dann auch selbst Abhilfe schaffen.
  • Bleibt eine Stellungnahme aus, ist anzunehmen, dass der Anspruch besteht. Dann wird der beanstandete Beitrag gelöscht. Dies sollte dem Beschwerdeführer mitgeteilt werden, damit dieser weitere Schritte abwägen kann. Wird ihm die Löschung nämlich nicht bekannt gemacht, besteht die Gefahr, dass er rechtliche Schritte gegen den Provider einleitet (wegen der vermeintlichen Lösch-Weigerung).
  • Ergeben sich durch die Stellungnahme Zweifel an der Rechtswidrigkeit, so wird der Beschwerdeführer darüber informiert und kann gegebenenfalls weitere Nachweise für seine Beschwerde nachreichen.