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Mittwoch, 18. April 2012

Mobbomat

Mein Lieblingssatz der Woche: "Zum Mobbing gehören immer zwei".

Zum einen hat der Sprecher recht, sich selbst zu mobben, ist etwas schwierig, da braucht es schon multiple Persönlichkeiten. Was er vermutlich meinte: Es gibt immer jemanden, der etwas tut und jemanden der darauf reagiert. Und vermutlich --das unterstelle ich dem Autor des Satzes-- meinte er: Es gibt immer jemanden, der falsch reagiert.

Er setzte seine Argumentation fort, dass er die Reaktion von Mobbing-Opfern nicht verstünde, denn es sie könnten über Übergriffe doch auch einfach lächelnd hinwegesehen. Außerdem meinte er, dass die Opfer selbst wohl auch ihren Teil der Schuld an den Vorfällen trügen.

Ich empfinde beide Aussagen zwar pragmatisch, aber nur bedingt realitätsnah. Zum einen wird es immer solche geben, die von Übergriffen auf sie seelisch stärker betroffen sind als andere. Diejenigen, die auf eine gesunde soziale Umgebung viel Wert legen und auch in ihr aufgehen. Wir Menschen sind von Natur aus soziale Lebewesen und ein schlechtes soziales Umfeld kann uns nachweislich krank machen. Ich finde Leute, die andere gleichsam von einem Schritt auf den anderen "Wegblenden" können hier schon eher verstörend.

Wenn man diejenigen, die bereits unter Übergriffen leiden, mit derartigen Ratschlägen belegt, so wirkt das für mich unüberdacht und überheblich. "Ignoriere das doch einfach", wird einem da ins Gesicht geschrien. Aber das ist einfach in vielen Fällen gar nicht mehr möglich. Und warum das Opfer auf einmal dem Täter weichen muss, ist mir sowohl in Bezug auf mein Rechts- als auch auf mein Moralverständnis völlig unklar.

Der chronische Mobber wird immer einen Anlass und ein Opfer finden. Er braucht das, weil er nur so sein eigenes Selbstwertgefühl stärken kann. Derartige Menschen brauchen keine weitere Rechtfertigung für ihr Verhalten, sondern vor allem nur ein brauchbares Opfer.

Und das kann jeder sein, für das Opfer ist da nichts richtig zu machen, um die Vorgänge zu verhindern. Der Mobber kommt in vielen Fällen aus dem aktuellen sozialen Umfeld (52% der jugendlichen Opfer kennen den Täter laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse [1]). Wenn der Zugriff des Täters auf das soziale Umfeld des Opfers gegeben ist, sind die Übergriffe umso schwerer zu ignorieren. Mobbing greift nämlich dann genau den stabilisierenden Faktor (unser soziales Netz) an, der uns helfen könnte, stressige Zeiten besser zu überstehen.

Zum Mobbing gehört ganz klar die Überschreitung der Grenzen des Opfers im persönlichen Lebensraum und die sind bei jedem anders. Nicht umsonst spricht der Nachstellungsparagraph §238 StGB hier zum Beispiel auch von "[...] und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, [...]". Wenn mir das Rumgeturne aller anderen Menschen völlig egal ist, so wird für mich der Paragraph niemals greifen. Dann bin ich aber im extremsten Fall auch antisozial gestört und habe anderweitige Probleme (bzw. mache anderen Leuten anderweitig Probleme).

Allzuoft werden die Leiden von Mobbingopfern verharmlost, nicht ernst genommen oder sogar die Schuld beim Opfer gesucht. Dabei haben (selbe Umfrage [1]), 18% der jugendlichen Opfer von reinem Cyber-Mobbing Schlafstörungen, 6% Kopfschmerzen und 6% Bauchschmerzen. Eine Statistik für Erwachsene gibt es wohl nicht. Letztendlich handelt es sich (lt. BSI [2]) um "eine neue Form der Gewalt".

Vielfach sind es die inneren Strukturen, die derartige Übergriffe fördern. Ich hatte im Jahr 2003 erlebt, wie sich die "Moderatoren-Clique" des Chatservers eines Rundfunksenders immer und immer mehr von den Nutzern distanzierte, einzelne (auch aus geringen Gründen) immer und immer wieder beschimpft wurden. Diese Gruppentendenzen sind wohl sehr typisch (und es ist fraglich, ob man den einzelnen einen echten Vorwurf machen kann), wenn Machtbefugnisse verteilt werden, ohne gleichzeitig für die nötige Transparenz zu sorgen. Es fand keine Kontrolle der internen Entscheidungen der Moderatoren-Gruppe mehr statt, "Unruhestifter" wurden beschimpft, beleidigt und öffentlich demontiert. Die meisten der anderen Nutzer sahen zu, weil sie nicht selbst zum Opfer werden wollten. Dass eine derartige Umgebung ein freundschaftliches Miteinander nicht fördert, sollte klar sein.

Damals hatten die (virtuellen) sozialen Netze nicht die Bedeutung, die ihnen heute zukommt. Heute sieht das anders aus und das Thema "Cyber-Mobbing" sollte eigentlich ein Thema für alle sein. Aber in nicht wenigen (angeblich) sozialen Netzwerken scheint die Sensibilisierung auch beim Betreiber nur begrenzt fortgeschritten zu sein [a, b].

Als persönliche Grundregel gilt für mich seitdem: Wenn das Thema verschwiegen wird, wenn ein Beteiligter die Kommunikation verweigert, die Probleme herunterspielt, so ist das ein sehr schlechtes Zeichen. Perverse Hinhaltetaktiken (Stonewalling) gehören auch zur hohen Kunst, Leute fertigzumachen (und verfehlen ihre Wirkung selten).

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