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Donnerstag, 8. Dezember 2011

Über Narzissen

Ich weiß nicht, wie viel davon "Verarbeiten" und wie viel tatsächliches (wenn auch morbides) Interesse an den Sachverhalten ist, aber "Borderline"," Soziopathie" und "Narzissmus" bleiben faszinierende Themen. Wenn man die Texte zum Thema nur liest, erhält man eine gewisse Distanz. Wenn man die Verhaltensweisen aber in (ehemaligen) Bekannten mehr als nur deutlich wiederfindet, hat das eine ganz andere Erlebensqualität.

Ich bin heute über mehrere Aussagen zum Thema "Narzissmus" gestossen. Auf Wikipedia findet sich unter "Narcissistic defences" folgende Aussage: Wenn das Ego eines Narzissten bedroht wird, also immer wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entspricht und dadurch außerhalb seiner Kontrolle ist, durchlaufen sie unterschiedliche Abwehrphasen, die solange angewendet werden, bis eine funktioniert:
  1. unbewusste Verdrängung
    Probleme werden nicht als solche wahrgenommen, sie bleiben "unterhalb des Radars". Ich vermute, hier handelt es sich um eine automatisierte Vermeidungsreaktion: "Hier darf nichts passieren, sonst ist das eine Katastrophe. Lieber also gar nicht erst genau hinschauen". So erklärt sich zum Beispiel, warum nach psychologischen Studien Manager in Unternehmen immer eine wesentlich positivere Sicht der Dinge haben, als die Realität vorgeben würde. Die Probleme treten nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit.
  2. bewusstes Leugnen
    Reicht die unbewusste Weigerung, ein Problem wahrzunehmen nicht mehr aus, so wird zu aktivem Verleugnen gegriffen. Das Problem ist also so akut, dass es nicht mehr einfach wegzuignorieren ist. In dem Fall wird aktiv auf Leugnen zurückgegriffen. Sehr schön fand ich hier die Aussage der beiden Personen, die mich so übel attackiert hatten, als ich ihnen mit rechtlichen Schritten drohte: "Dafür ist er ohnehin zu dämlich" und "Der Brief vom Staatsanwalt kommt doch eh nicht". Man merkt deutlich, wie hier versucht wird, die möglichen (und in einem Fall auch dann tatsächlich aufgetretenen) Folgen des eigenen Fehlverhaltens wegzuargumentieren.
  3. Verdrehung und Lügen
    Reicht auch das Wegargumentieren nicht mehr, so wird versucht, die Tatsache anders darzustellen. "Da war doch nichts" hörte ich von einer Person nach einer Panikattacke der Person. Ebenso passend: "Ich habe nie schlecht über Dich geredet", während entsprechend schriftliche Beweise für das Gegenteil schon vorlagen. Auch schön: "Der ist doch ganz anders, nicht so, wie ihr hier tut", wobei wir hier schon bei
  4. Projektion
    sind. Kann man das Geschehene nicht mehr "weglügen", so wird wenigstens die Verantwortung weggeschoben. Wenn man nicht selbst betroffen ist, ist es ganz interessant zuzusehen, wie ein Narziss die eigene, stark vereinfachte Denkweise auf andere überträgt. Plötzlich sind Personen "neidisch" und "missgünstig", also Gefühle die eigentlich dem Narziss selbst zueigen sind.
  5. Hilfe anheuern
    Der Narziss ist oft von einer ganzen Menge "Co-Abhängiger" Personen umgeben. Dies können selbst Narzissen sein, die sich in ihm widerspiegeln und quasi "mitfühlen", es können aber auch abhängige Persönlichkeiten sein, die im Narziss ihren Heilsbringer sehen. Borderliner sind wohl auch erstrangige Kandidaten für solche Mit-Abhängige. Hilft alles nichts, so versucht der Narziss sich die Hilfe seiner "Mit-Abhängigen" zu versichern. So wird also (Schwieger-)Mama angerufen, die dabei helfen soll, den Ehemann/Freund zu zähmen. Oder aber der beste Freund mischt sich auf der Seite des angeblich gedemütigten Wesens völlig unreflektiert und einseitig mit ein. Hier wird dann versucht, die eigene Unsicherheit durch Bestätigung Dritter zu überspielen.

    So versuchte mein Belästiger mehrfach, Dritte durch polarisiernde Sprüche wie "Wir müssen doch zusammenhalten" und "Das waren doch nur Kleinigkeiten" von seinen wiederholten Straftaten abzulenken und für sich zu rekrutieren. Viele durchschauen diese eigentlich offensichtlichen Täuschungsmanöver dann nicht.
Zum Trost an alle: Wer sich in den obigen Verhaltensweisen erschreckt wiedererkannt hat, der muss nicht unbedingt um sein Seelenheil bangen. In Zeiten starker, emotionaler Belastung neigen wir wohl alle zur einen oder anderen der obigen Abwehrreaktionen. Krankhaft narzisstisch ist derartiges Verhalten erst, wenn (a) keine Einsicht da ist, dass dieses Verhalten unpassend ist und (b) wenn kaum oder keine anderen Abwehrreaktionen vorhanden sind. Jeder neigt unter Stress zu gestörtem Verhalten. Wenn dies allerdings Dauerzustand ist, so liegt sicherlich eine Störung vor.

Narzissen erkennt man aber mit ein wenig Übung auch so. Hier findet sich eine nette Liste, der ich vorbehaltlos zustimmen muss:

  • Der Charme des Psychopathen
    Narzissten sind süchtig nach Bestätigung durch andere. Und sie wissen genau, wie sich sich --zumindestens kurzfristig-- Bestätigung verschaffen können: Sie sind schenken Aufmerksamkeit, täuschen Freundlichkeit und Interesse vor. Je unsicherer das Gegenüber (und sei es auch nur durch eine zeitweise Krise), desto eher lässt es sich von der unerwarteten Aufmerksamkeit dieses auch so tollen Menschen einfangen. Sobald das Gegenüber aber eigene Ansprüche stellt, oder der narcisstic supply ausbleibt, wird es abserviert. Manche Narzissten machen aus dieser Einstellung noch nicht einmal einen Hehl, was die Opfer aber wohl gekonnt wegignorieren. Manche bilden sich sogar noch ein, sie hätten den Narzissten ausgenutzt (eine schon fast bewundernswerte Verdrängungsleistung).

    Für Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein wirken Narzissten aber eher abstossend, aalglatt und schleimig. Mit anderen Worten: Sie nerven. Mit selbstbewussten Menschen, die ihre skrupellose Schauspielerei durchschauen und verachten, können Narzissten daher auch so gar nicht umgehen.
  • Man bemerkt ihre Unfähigkeit, sich einzufühlen.
    Wenn sie Dich fragen "Wie geht es Dir?", so wirkt das wie auswendig gelernt. Sie könnten sich nicht weniger darum scheren, wie es um Dich steht. Selbst wenn sie große Denker zitieren, so sind es nur Zitate. Den wahren Inhalt begreifen sie nicht, ihre Gefühle bleiben oberflächlich und selbstbezogen.

    Dieses fehlende Einfühlungsvermögen (bedingt durch die ausschließliche Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen) durchsetzt ihr gesamtes Verhalten. Ihr Charme ist nur oberflächlich, ein echtes Einfühlen, ein Verständnis für den anderen kann der Narziss nicht aufbringen.
  • Sie sind von Co-Abhängigen umgeben.
    Narzissten sind geniale Selbstdarsteller. Beide Geschlechter umgeben sich gerne unsicheren, meist auch nicht sonderlich intelligenten Menschen, die sich quasi "im Licht des Narzissten-Egos" sonnen. Meistens plappern sie seine Worte ungeprüft nach, übernehmen sogar seine Meinung (übrigens ein typisches Borderline-Syndrom in der Idealisierungsphase). In keinem Fall widersprechen sie ihm, weil sie ja sonst in Ungnade fallen.  Das ist natürlich Co-Abhängigkeit im wahrsten Sinne des Begriffs: Die Betroffenen Leben durch und im Schatten des anderen. Beim Narzissten sehen die Co-Abhängigen nur das positive Scheinbild (das falsche Selbst) des Narzissten, während sie die massiven Störungen des Narzissten ausblenden oder herunterspielen. Man merkt das an Aussagen wie "Zu mir war er immer lieb", "Ich habe kein Problem mit ihm" oder auch "Er ist doch gar nicht so". Eine Gruppe von Co-Abhängigen kann ekelhafter sein als der Narzisst selbst.
  • Sie wirken unauthentisch.
    Wenn sie etwas vermeintlich Originelles von sich geben, ist es sicherlich kopiert. Alles, was sie tun, haben sie irgendwo kopiert, weil es ihnen gefiel oder weil sie das Original toll fanden. Nach einiger Zeit merkt man, wie sie sich ständig wiederholen und immer wieder dieselbe (auswendiggelernte) Masche abziehen. Ein echtes Einfühlen in das Gegenüber ist ihnen nicht möglich.

    Kennt man einen Narzissten schon länger (und hoffentlich nur aus der Ferne), merkt man, dass er immer und immer wieder vorgefertigte Verhaltensweisen wiederholt. Er ist nicht originell, sondern er spult ein festes Programm ab, das in einer ähnlichen Situation bereits zum Erfolg geführt hat. Wie ein Automat wiederholt er immer wieder dieselben, auswendiggelernten Phrasen, ohne deren echten Sinn zu begreifen. Sie sind oft sehr gute Schauspieler, aber eben nur Schauspieler, also oberflächliche Imitate ohne Tiefgang.
  • Die dauernde Extrawurst
    Natürlich gelten die Regeln für alle, nur nicht für sie. Sie dürfen beleidigen und motzen. Wenn andere das tun, ist das unverzeihlich. Was oft wie "gesundes Selbstbewusstsein" wirkt ist nichts anderes als ein völlig überzogener Gottkomplex.
  • Fehlende Distanzregelung
    Da sie sich selbst für den Mittelpunkt des Universums halten, erkennen sie auch die Rechte des anderen nicht an. Im Gespräch stehen sie entweder viel zu nah oder viel zu weit weg. Sie berühren Dich unangemessen, auch wenn sie Dir nicht nahestehen. Weil sie sich selbst für übermässig wichtig halten, ignorieren sie gesellschaftliche Konventionen. Natürlich dürfen sie andere unterbrechen. Natürlich ist ihre Meinung wichtiger, als die aller anderen.
  • "Ich", "meins", "mir".
    Einfach darauf achten. Sie sprechen verdammt oft von sich selbst. Und zwar nicht, um eigene Erfahrungen zu erklären oder Verständnis aufzuzeigen, sondern weil sie sich in den Mittelpunkt drängen müssen.
  • Delegation ohne VerantwortungSie geben eine Aufgabe ab, weil sie ihnen nicht wichtig genug ist. Aber sie mischen sich dennoch dauernd ein und wissen alles besser. Aber auch, wenn sie gar nichts mit einem Projekt zu tun haben, versuchen sie, die Lorbeeren dafür einzuheimsen. Wenn irgendetwas schief läuft, sind sie allerdings nirgends zu sehen und waren auch niemals beteiligt.
  • Immer im Mittelpunkt
    Sie fühlen sich in Gesellschaft nur wohl, wenn sie im Mittelpunkt stehen. Sind sie das nicht, versuchen sie die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gilt die Aufmerksamkeit einem anderen Thema, kann man richtig zusehen, wie sie sich unwohl winden.
  • Sie weichen aus.
    Narzissten spielen die Rolle des Unfehlbaren und Unverwundbaren, das sogenannte "grandiose Selbst". Persönliche Fragen und alles, was ihnen sonst zu Nahe kommen könnte, blocken sie ab. Gefühlt ist das wohl Stufe 1,5 von oben.
  • Es sind immer andere Schuld
    Kommt  bekannt vor? Das ist Punkt 4 im Prozess oben. Alle anderen sind dumm, unfähig und einfach nur schlecht. Zitat einer Borderlinerin, einer Störung, die oft narzisstische Züge hat: Jetzt bin ich schon so scheiße, aber alle anderen sind scheinbar noch viel schlechter.

Hatte ich erwähnt, dass alle Soziopathen auch üble Narzissen sind? Dann sei das damit auch gesagt. Mehr Erkennungsmerkmale sind übrigens (auch in den Kommentaren) herzlichst willkommen.

1 Kommentar:

  1. Bitte lest im Internet Toechter narzisstischer Muetter! Es gibt dort eine Checkliste, wie Frauen die Problematik erkennen. Wirklich hochinteressant und wahr. Z.B. dass es Goldkinder gibt, die die Mutter ein Leben lang den Kindern vorzieht, auf die sie ihre psychische Krankheit projeziert, um nicht die Verantwortung dafuer tragen zu muessen.

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