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Mittwoch, 14. Dezember 2011

Borderline, DBT, Dr Linehan und das doppelte Lottchen

Randi Kreger hat schon im Juni einen Artikel verfasst, der zum Nachdenken anregen sollte. Zum einen verweist der Text auf einen wichtigen, weil vielleicht hoffnungsgebenden Artikel in der  New York Times: Marsha M. Linehan, die Entwicklerin (oder Entdeckerin, je nach wissenschaftlichem Gusto) der dialektisch-behaviouralen Therapie war selbst eine Borderline-Patientin.
Zum anderen gibt Randi Kreger eine wichtige Unterscheidung für Borderline-Kranke an, die wohl heute noch verwirrend wirkt. Nach Ihrer These gibt es zwei Arten von "Borderline", namentlich die "hoch-funktionalen, unsichtbaren Borderline-Persönlichkeiten" und die "gering-funktionalen, konventionellen Borderline-Persönlichkeiten". Mischformen sind möglich.

(das Folgende ist sinngemäß übersetzt von http://www.psychologytoday.com/blog/stop-walking-eggshells/201106/the-great-divide-who-has-borderline-disorder-suicidal-cutters-per?page=2)

Gering-funktionale BPs
  • kompensieren Scham und Schmerz durch selbst-destruktives Verhalten.
  • akzeptieren, dass sie Probleme haben und suchen aktiv Hilfe.
  • sind im Alltag schwer beeinträchtigt.
  • haben noch andere, "Mitstörungen", wie Essstörungen, Substanzmißbrauch, usw.
Familienmitglieder werden hauptsächlich dadurch belastet, dass sie mit den Krisen umgehen müssen. Eltern machen sich oft Gedanken, ob Ihr Kind je selbstständig leben können wird und haben Schuldgefühle.

Hoch-funktionale BPs
  • leugnen, dass sie Probleme haben, auch wenn es sich um Kleinigkeiten handelt.
  • weigern sich, Hilfe zu suchen, außer die aktuelle Beziehung wird bedroht (durch Trennungsdrohung des Partners). Sie weigern sich aber in der Therapie, an ihren eigenen Problemen zu arbeiten, sondern wollen den Therapeuten davon überzeugen, dass sie das Opfer sind.
  • projizieren ihren Schmerz und ihre Scham auf andere. Vor allem Familienmitgliedern (und dem Partner) wird die Schuld an echten und eingebildeten Problemen zugeschoben
  • verstecken ihre innere Unsicherheit hinter einer frechen, kecken, selbstsicheren Fassade. In der Arbeit "funktionieren" die Betroffenen meist sehr gut, leben aber ihre Aggressionen an Familienmitgliedern und Partnern aus. Nahestehende Personen sagen oft, sie fühlen sich an "Dr. Jekyll und Mr Hyde" erinnert.
  • Wenn sie noch andere psychische Störungen aufweisen, dann solche, die ein "Funktionieren" erlauben, wie Narzissmus.
Familienmitglieder müssen mit der verbalen, emotionalen und manchmal auch körperlichen Misshandlung durch den Borderliner umgehen. Sie müssen sich anstrengen, um den Borderliner davon zu überzeugen, eine Therapie aufzusuchen.

Es sieht für mich so aus, als hätten hochfunktionale Borderliner Menschen, bei denen sie "sich gehen lassen dürfen", weil sie sie ja doch nicht verlassen und Menschen, bei denen "man sich zusammenreißen muss", weil man sonst nicht akzeptiert wird. Das erklärt vielleicht auch die Lügengeschichten, Projektionen und widersprüchlichen Erklärungsversuche, die hochfunktionale Borderliner nicht selten auftischen. Ich vermute, die Scham, die Wut und der innere Druck ist auch bei hochfunktionalen Borderlinern vorhanden. Allerdings haben diese einen (wiederum krankhaften) Weg gefunden, sich dieser Scham zu entledigen: Sie projizieren sie auf eine Vertrauensperson, eine Art seelischer Müllhalde.

Der, der die Wahrheit kennt, wird hier in einen Strudel von Lügengeschichten mit hineingezogen. Die Vertrauenspersonen werden vom Borderliner instrumentalisiert, damit dieser sich in seiner überwältigenden Gefühlswelt wieder zurechtfindet. Und obwohl die wahren Gründe für dieses Verhalten mitleiderregend erscheinen,  bleiben die Übergriffe dennoch leider eine sehr brutale Form von seelischer Gewalt, für den man den Borderliner auch verantwortlich zeigen sollte.

Borderline-Partner


Der Borderline-Partner ist --zumeist überzogenen oder sogar völlig ungerechtfertigten-- Angriffen und dauernden Vorwürfen des Borderliners ausgesetzt. Der (hoch-funktionale) Borderliner gibt den "Eigenarten" seines Partners (von Tammi Green sehr schön als Non (Borderliner) bezeichnet) die Schuld an den eigenen Gefühlsausbrüchen (Projektion). Dies erzeugt beim Non natürlich unweigerlich Schuldgefühle und starken emotionalen Druck, so dass er oft selbst krankhafte Symptome zeigt. Lässt der Non sich dann auf eine Therapie ein, fühlt sich der Borderliner auch noch bestätigt: Willkommen im Teufelskreis der Schuldzuweisung.

Partner, die aus einer Beziehung mit einer hoch-funktionalen Borderline-Persönlichkeit kommen sind danach oft selbst schwer belastet. Randi Kreger gibt an, dass posttraumatische Belastungsstörungen durch die massiven Angriffe des Borderliners auf seinen (Ex-)Partner nicht selten sind. Die Betroffenen fühlen sich unverstanden und hilflos, insbesondere auch, weil gemeinsame Bekannte oft nur den hochfunktionalen Teil des Borderliners kennen und alle Aggression (gegen sich selbst oder gegen andere) auf den Partner projiziert wurde.

Dadurch kommt zur Belastung durch die Beziehung oft auch noch eine zusätzliche Belastung durch Angriffe aus der Umgebung des Borderliners ("Die ist doch gar nicht so", "Das glaube ich Dir nicht", "Du spinnst Dir doch was zusammen", "Du bist doch völlig krank", ...) hinzu. Durch die Beziehung bereits schwer geschädigt, kann sich der Betroffene gegen diese üblen Aussagen nur noch schwer wehren. Einige Borderliner scheinen narzisstische Persönlichkeiten im Freundeskreis zu bevorzugen, wohl weil diese helfen, das "falsche Selbst" des Borderliners aufrecht zu erhalten. Die narzisstische Abwertung zielt dann auf den Partner, der ja "die heile Welt" bedroht.
 
Den Borderline-Partner zeichnet aus, dass er eine gewisse "Anfälligkeit" hat. Es handelt sich fast ausschließlich sehr gefühlsbetonte und empfindsame Menschen, die sich gut in andere Hineinfühlen können. Sie sind außerdem meist außerordentlich leistungs- und leidensfähig, und können die eigenen Bedürfnisse für ein weiter entferntes Ziel gut zurückstellen.
 
Umgekehrt fehlt Ihnen oft die Fähigkeit, zu erkennen, wann es Zeit ist, loszulassen und sich um sich selbst zu kümmern. Viele Autoren gehen auch davon aus, Borderline-Partner haben geringes Selbstvertrauen und einen Helferkomplex. Ich denke, hierbei wird vielfach außer acht gelassen, dass der engere Kontakt zu einem Borderliner für jeden eine Ausnahmesituation ist und die Beziehung zum Borderliner eventuelle Tendenzen massiv verstärkt. Der Borderline-Partner ist so unter Stress gesetzt, dass er nur noch reagiert, ohne groß nachzudenken. Mit entsprechenden Urteilen über dessen Persönlichkeit sollte also vorsichtig umgegangen werden. Im Gegensatz zur scheinbar üblichen Abwertung der Betroffenen (sogar von gestandenen Therapeuten) als Menschen mit geringem Selbstbewusstsein, Helferkomplex, dependenter Störung, etc. pp., dürfte es in den meisten Fällen wohl eherso sein, dass die Probleme des Nons nur durch den Einfluss des Borderliners überhaupt krankhaftes Niveau erreicht haben.

Was Borderline-Partner vor allem brauchen ist Verständnis und das Gefühl, nicht so schlecht und kaputt zu sein, wie der Borderliner und seine Umgebung ihm das weismachen wollten.

Kommentare:

  1. du sprichst hier einen wesentlichen Punkt an! Der Borderliner hat tatsächlich diese "Außenwelt", in der er sich charmant und empathisch gibt. Kaum einer wird jemals glauben, wie sich eben dieser in der "Innenwelt", sprich im engsten Kreis wie Familie oder Partnerschaft, aufführen kann. Je näher die Beziehung,desto derber wird er. Und genau das ist der Punkt, der so verletzend ist für den Partner......es macht ihn ohnmächtig, unglaubwürdig, hilflos, verzweifelt. Und genau das ist auch der Punkt, der jedenfalls bei mir, bewirkt, dass ich mich selbst isoliere und es vermeide, dass die Außenwelt, mich und meinen Borderliner erlebt. Ich kann diese Schauspiel vor der "Außenwelt " kaum noch ertragen. Es ist eine Farce, vielleicht sogar eine Lüge. Jedenfalls in den Augen des Nicht-Borderliners. Am liebsten möchte man die Maske runterreißen. Aber genau das wäre ein fataler Fehler und würde geradezu das bewirken, was der Borderliner beabsichtigt: Einen vor den anderen für irre darstellen. Und schon ist man Opfer sein Manipulationen.

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  2. Das Herunterreißen der Maske ist vielleicht nicht sinnvoll. Allerdings darf man auf keinen Fall vergessen: Das "Dr. Jekyll und Mr Hide"-Spiel dient dem Borderliner dazu, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Lässt man ihm/ihr das durchgehen, kommt er/sie zu der Überzeugung, dass es tatsächlich am anderen liegt. Einer der größten Fehler ist, dass man sich derartige Übergriffe auf die eigene Integrität nicht vehement verbittet, man verzeiht dem Borderliner. Und er/sie nutzt das dann gnadenlos für sich aus. Sie sind einfach geniale, und noch dazu oft sehr intelligente Manipulatoren.

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  3. Der Borderliner ist schwer abgrenzbar in seinem Verhalten von der Schizophrenie. Dieses schnelle Kippen in die andere Person muss wie eine Kratwanderung sein. Wer weiss da mehr?

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    1. Es gibt von Borderliner so viele Variationen, dass die Diagnosekritierien eine sorgfältige Differentialdiagnose vorschreiben ("Vorliegen anderer PS muss ausgeschlossen sein"). Ich habe im Bekanntenkreis inzwischen fünf diagnostizierte "Bordis" und die Symptome sind bei allen grundverschieden. Das "Abkippen" habe ich demnach auch nur bei einem einzigen beobachten können. Bei den anderen sehe ich vermutlich allerdings auch größtenteils nur die "sozialverträgliche Maske".

      Weder Shizophrenie noch Borderliner "kippen" meinem Verständnis nach übrigens in andere Personen ab. Das wird bei der Shizophrenie aber oft verwechselt.

      Beim Borderliner erklärt man sich die Kippsituationen durch eine mangelnde Emotionsregulierung. Die Reaktionen von Bordis sind bei genauere Betrachtung durchaus verständlich, es gibt immer einen Grund für sein "Triggern". Allerdings ist das Ausmaß der Reaktion völlig unangemessen. Der Bordi kippt in einen "emotionalen Extremzustand", nicht in eine andere Persönlichkeit, auch wenn dies von außen so wirken kann.

      Das ist übrigens einer der Faktoren, die einen als Partner fertigmachen: Wieder zur Ruhe gekommen, kann so mancher Bordi der Umwelt seine Reaktion wunderbar plausibel machen. Gegen die Umwelt anzuargumentieren ist dann fast nicht möglich, denn es erscheint ja alles angemessen und nachvollziehbar.

      Auch die Shizophrenie ist relativ vielfältig. Allerdings spaltet sich bei ihnen nicht die Persönlichkeit, sie verlieren nur den Bezug zur Realität (können Bordis übrigens in der sog. Mini-Psychose auch). Sie hören oft Dinge, sie haben plötzliche Gedankeneingebungen, etc. pp. Die Shizophrenie ist also das, was man so allgemeinhin mit "verrückt" assoziiert, aber auch das tut den Betroffenen deutlich Unrecht. Es gibt auch Shizophrenie, die in ihrem ganzen Leben nur eine einzige Shizo-Episode haben und sonst eher unauffällig sind.

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