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Donnerstag, 13. Oktober 2011

Willkommen im Neandertal

Streitkultur ist so eine Sache, bei der man davon ausgehen kann, dass man sie genau dann nicht (mehr) hat, wenn man sie am Dringendsten bräuchte. Und genau daher ist sie so wichtig.

Bei gegenseitiger Wertschätzung ist die Auflösung von Konflikten kein Problem. Dennoch ist wohl keiner von uns frei von Schuld, den anderen hin- und wieder abgewertet zu haben. Gerade in der Hitze des Gefechts

Ich mag mich hier nicht mehr mit den üblichen Verdächtigen wie Verweigerung, Beleidigung, Du-Botschaften und Unterstellungen aufhalten. Ich denke, da sind wir alle nicht frei von Schuld und in der Hitze des Gefechts darf einem auch schon mal ein Fehler passieren. Solange man dazu steht und sich später entschuldigt, ist das meistens auch kein Problem.

Es gibt aber darüber hinaus noch so ein paar richtig dreckige Tricks, die einem echt die Schuhe ausziehen können:
Appeal to pity
"Frauen setzen Weinen oftmals als Waffe ein"
(Die Toten Hosen -- Frauen)

[Edit vom 25.05.2012: Ich wurde darauf hingewiesen, dass es hier besser wäre, statt den Hosen, den tatsächlichem Autor des Liedes zu zitieren, da es der Ironie des Zitats gerechter wird. Daher: (Funny van Dannen - Frauen dieser Welt). Text ist derselbe. Und natürlich: Danke für den Verbesserungsvorschlag.]

"Bei mir kommt an, dass Du mir das nicht gönnst". Eine fast perfekte Formulierung. Ein Ich-Satz. Dicke Tränen rollen an ihren Wangen hinunter, sie drückt sich verängstigt in eine Ecke der Couch. Das macht Dich fertig. Wie kannst Du einer so verängstigten Person noch die Meinung sagen. Du willst sie stattdessen einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles nicht so schlimm ist.

argumentum ad misericordiam nennt der Lateiner das, ein Angriff auf das Mitgefühl. "Schau, was Du mir antust! Dabei will ich mir doch auch nur ein Stück Leben gönnen! Ich bin doch sonst so arm dran!". Habt Ihr schon mal ein verängstigt weinendes Kind angebrüllt? Das ist nicht so einfach.

Doch wenn man genau hinschaut, versteckt sich hinter der vermeintlichen Ich-Aussage "Bei mir kommt an" ein ganz einfacher Vorwurf: "Du gönnst mir nichts!". Willkommen im Land der schmutzigen Tricks.

"Bei mir kommt an, dass Du hier einen Weltkrieg auslösen willst."
(Kastürbā Gāndhi zu Mohondas)

Ist jemand derartig eingeschüchtert (oder spielt so), dann ist eine Argumentation wahrscheinlich nicht mehr sinnvoll. Das Thema sollte in ruhigeren Zeiten nochmal zur Sprache gebracht werden. Reagiert das Gegenüber wieder mit seiner Einigelungsreaktion, sollte man klar machen, dass man sich eine derartige, emotionale Erpressung nicht bieten lässt

Mama macht das auch

(1) "Mein bester Freund meint, Du hättest keine Ahnung von Frauen" oder auch sein naher Bekannter (2) "Wissen doch sowieso schon alle, dass Du reif für die Geschlossene bist". Auch schön: (3) "Prof. X hat aber gesagt, dass ...". In beiden Fällen wird eine (vermeintliche) Autorität (argumentum ad verecundiam) oder die Allgemeinheit (argumentum ad populum) angerufen, um die eigene Meinung zu verstärken.

Das dünne Eis hierbei ist die Akzeptierbarkeit der Autorität. Bei (2) ist klar, dass das kein Argument, sondern eine Beleidigung ist. (1) ist schon etwa schwieriger, denn der beste Freund könnte tatsächlich Ahnung haben. "Assertiveness" liefert eine interessante Strategie, die negative Rückfrage:

"Mein bester Freund meint, Du hättest keine Ahnung von Frauen"
"Das kann natürlich sein, ich bin da aber anderer Meinung. Was genau war denn sein Kritikpunkt?"

Das funktioniert auch bei (3), denn auch Professoren können sich irren. Es gilt, dass die Argumente von Dritten genauso widerlegt werden können, wie die eigenen. "Mama macht das auch" verzichtet aber meist auf diese Argumente.

"Dein Anzug hat da einen Fleck!"
"Es geht mir nicht gut, der Fleck interessiert mich jetzt nicht!"
Es folgt Gereibe und Rumgezupfe.
"Würdest Du das bitte lassen?"
"Mama macht das bei Papa auch!"

Das ist doch gar nicht so ...

In diese Kategorie gehört auch "Du siehst das völlig falsch!" und das "Du musst da ...". Wen es bei diesen Sätzen schon an den Stimmbändern juckt, der hat völlig Recht, wenn er brüllen möchte. Meistens folgen auf solche Einleitungen dann entweder gleich gar keine Argumente, oder irgendein Geblubber, dass der Schein trügt und man nicht genug hingeschaut hätte. Das Ding ist ein Sonderfall des persönlichen Angriffs, denn die eigentliche Aussage ist "Du hast doch eh keine Ahnung".



 
Es gibt sie immer, die Personen, bei denen die Meinung des anderen keinen Platz in Ihrer Realität hat. Die sich durchsetzen wollen und dabei den Respekt für andere Menschen auf der Strecke lassen (oder den nie hatten).

Ein großes Problem ist, dass eine  Rechtfertigung es eigenen Standpunktes als Schwäche ausgelegt wird. So steht im Ratgeber "Schluss mit dem Eiertanz" für Angehörige von emotional instabilen Personen sehr deutlich, dass man sich auf keinen Fall rechtfertigen soll. Rechtfertigungen werden oft als Ausreden hingestellt, mit denen man die Verantwortung von sich schieben will. Viele Menschen machen die Rechtfertigung des eigenen Standpunks zur Grundlage für einen neuen Angriff. Stellt man sich einfach hin und sagt "so nicht", kuschen Sie viel eher. Man rechtfertige sich erst, wenn der andere signalisiert hat, dass er die eigene Meinung respektiert. Ansonsten: Immer feste drauf mit der Keule.



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