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Donnerstag, 13. Oktober 2011

Das verlorene Ich

Ich bin eben auf einen interessanten Film über einen selbsternannten Psychopathen gestossen. Der Protagonist von "Ich bin ein Psychopath" hat mehrere diagnostizierte Persönlichkeitsstörungen. Ob der Protagonist wirklich ein Psychopath ist, ist unklar.

Es gibt ein paar interessante Szenen:

Beim Lügen entdeckt

Zu Anfang des Films wird der Protagonist von einer britischen Forscherin interviewt. Sie erwähnt, dass sie seine Biographie studiert hat. Weiterhin fragt sie --eigentlich harmlos-- nach, dass sie dem Link zu seiner Dissertation auf seiner Webseite nicht folgen konnte.

Er bekommt daraufhin einen Wutanfall, unterstellt Ihr, sie hätte behauptet, seine Dissertation wäre gefälscht. Deutlich ist zu erkennen, wie seine Paranoia dann die Wut auf die Psychologin projiziert. Er unterstellt Ihr Bösartigkeit, zweifelt die Qualifikation der Psychologin an, verlangt nun im Gegenzug Ausweise und Zertifikate. Es fällt ein Satz, der sinngemäß lautet "Ich kann nachweisen, dass ich promoviert bin. Wer sind Sie überhaupt?

Interessant ist, dass er die entsprechenden Behauptungen und Angriffe erst nach abgeschalteter Kamera macht und der Filmemacher angibt, heimlich filmen zu müssen.

Im späteren Verlauf kann der Filmemacher anhand seiner Aufnahmen feststellen, dass der Protagonist bereits zugegeben hat, dass die entsprechende Doktorarbeit nicht anhand den üblichen Kritierien geprüft wurde.

Frauen

Interessant auch, wie der Protagonist auf Frauen wirkt. Die Frau des Protagonisten gibt an, dass die überdimensionierte Selbstsicherheit ("Dieser Mann kriegt, was er will") kombiniert mit der Großzügigkeit in der Anfangsphase stark auf sie wirkte. Sie meinte "Sie brauchte das damals.".

Die Frau des Protagonisten gibt an, dass sie sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückstellt. Er selbst analysiert für sich deutlich, dass er glaubt, seine Frau sei von seinem Lebensstil abhängig und dass ihm bewusst sei, dass ihre Bedürfnisse in der Beziehung kaum befriedet werden, während er von ihr Bestätigung erhält.
 
Auf der anderen Seite übernimmt die Ehefrau des Protagonisten auch einen Teil der Paranoia ihres Mannes. Offensichtlich kann sie sich wegen dieser vorangegangen Enttäuschungen mit den paranoiden Motiven ihres Mannes identifizieren. Für ihn ist das natürlich wiederum willkommene Bestätigung.

Diese Neigung, eine formbare Umgebung zu bevorzugen, ist nicht nur in Beziehungen zu beobachten. Der Protagonist bevorzugt wohl, sich mit Menschen zu umgeben, die bereit sind, sich seinem Verhalten auch in Extremen anzupassen. Besonders anfällig sind wohl Frauen, die schon oft enttäuscht wurden und sich daher selbst abwerten. Statt einer ernsthaften Beziehung, scheinen sie sich von der sorglosen Lebensweise des Narzissen angezogen zu fühlen. Es wird die Frage aufgeworfen, wie jemand diese dauerhaften Demütigungen über Monate oder Jahre hinweg aushalten kann.

Psycho-Folter
Ein herausragendes Merkmal beim Protagonisten ist, dass er seine Umgebung häufig attackiert. Der Filmemacher wird mehrfach massivst beleidigt und angegriffen. Er filmt sich selbst dabei, wie seine Hände während einer Beleidigungsattacke zittern. In einer Selbstanalyse gibt er an, dass diese dauernden Angriffe bei ihm massive Selbstzweifel hervorgerufen haben. Diese wurden dadurch, dass der Protagonist ihm sachlich, aber demütigend erklärte, was gerade in ihm vorging. Es scheint so, als würde der Protagonist hier ganz bewusst seine Umgebung in einer emotionalen Ausnahmesituation halten, um deren gefühlsmässige Verwundbarkeit ausnutzen zu können.

Ein ähnliches Phänomen --hier aber vor allem unbewusst-- findet sich bei Borderlinern. Für den Partner in einer Borderline-Beziehung sind die Trigger, die Selbsthass- oder Wutanfälle des Borderliners ausmachen nicht nachzuvollziehen.
Wie bei einer Gehirnwäsche wird man also in emotionalen Dauerstress "gehalten" und dann nach den Wünschen des Angreifers geformt. Die im Stress getroffenen Entscheidungen sind dann natürlich selten durchdacht und lassen sich durch gezielte, vermeintlich sachliche Vorschläge (nach den Zielen des Manipulators) lenken.

Soziopathen können laut Bericht potentielle Opfer anhand der Körpersprache in Sekundenbruchteilen erkennen. Sie sehen ihren Opfern emotionale Verletzlichkeit geradezu an.

Die Beleidigungen haben scheinbar auch einen polarisierenden Effekt. Von den bösartigen Angriffen und Unterstellungen bleibt sowohl beim Opfer als auch in der Umgebung der Zweifel hängen, ob an der Verurteilung nicht "doch etwas dran" wäre, wenn es schon derartige Aggressionen erzeugt.

Fehlende Emotionen
Über FMRI-Untersuchung wurde festgestellt, dass Belohnungs- und Bestrafungsreize beim Protagonisten "normal" funktionieren, d.h. er konnte über Schmerzreize auf Reaktionen konditioniert werden.

Allerdings fehlten im gewisse "normale" emotionale Reize. Im Vergleich mit seiner Frau hatte er enorme Schwierigkeiten, gezielt emotionale Zustände herbeizuführen. Auch seine Reaktion auf emotionale Schlüsselreize fiel eher mager aus. Das emotionale Gerüst des Betroffenen scheint gänzlich anders und vor allem wesentlich einfacher anders gebaut als bei "normalen" Menschen.

Grausamkeit
Im Film wird berichtet, dass der Soziopath einen seiner Mitschüler gezielt umkonditionierte. Zuerst hielt er mit Demütigungen für dessen emotionales Stressniveau auch, um ihn dann auf bestimmte Reizwörter einzukonditionieren. Der Bericht des Protagonisten ist dabei so gefühllos als würde er von der Programmierung eines Computers reden. Reue empfindet er laut eigener Aussage bis heute nicht.

Alles in allem scheint es so zu sein, dass der Protagonist in dauerhafter Paranoia lebt. Er sieht dauernd die Möglichkeit, angegriffen zu werden. Seine ganze Umgebung ist potentiell böse und hinterhältig. Dadurch, dass er diesen Verdacht dauernd äußert, kann er bei seinen gegenübern Selbstzweifel und Schuldgefühle wecken. Diese sind dann emotional verletzbarer und lassen sich besser manipulieren. Er empfindet dabei keine Reue.

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