Montag, 26. September 2011

Narziss und Neid

"Alles nur Neider und Missgünstige"

"Die Leute gönnen einem nichts!"

"Die sind doch nur neidisch auf mich und deshalb so boshaft!"


Deutschland ist angeblich das Land der Missgunst und des Neids. Neidgesellschaft betitelte der Stern die soziale Realität in Deutschland. Angeblich missgönnen wir unseren Mitbürgern nur allzu gerne ihren Luxus und Ihre Annehmlichkeiten, wenn wir glauben, dass wir uns selbst das nicht leisten können. Der Volksmund meint: Wenn man in den USA eine Million pro Jahr verdient, wird man bewundert. In Deutschland muss man sein Einkommen verstecken.

Vielleicht ist es immer noch ein wenig Schicksalsglaube, der uns Deutschen hier nachhängt. Oder vielleicht einfach nur eine Form der Demut gegenüber sich selbst, die sich in der Abneigung gegen andere äußert, die nicht so zurückhaltend sind.

Bereits die alten Griechen glaubten daran, dass jeder seinen Platz im Leben hätte und sich nicht "über sich selbst erheben" solle. Nicht der Mensch selbst, sondern eine der Moiren, Lachesis bestimmte, welchen Platz ein Mensch einnahm. Wer sich nicht daran hielt, dem drohte die große Vergeltung, die Nemesis wegen Verhöhnung der Götter. Die katholische Moral im Mittelalter kennt ähnliche Konzepte: Die Belohnung für ein demütiges Leben im Diesseits wird erst im Jenseits bestraft.

Bei den meisten von uns ist das Streben nach moralischem, sozialem Verhalten fest eingebaut. Es kollidiert aber natürlich mit dem eigenen Narzissmus, der  nach Selbstverherrlichung schreit. Mit diesem Konflikt setzt sich daher auch die Philosophie auseinander: Immanuel Kant formulierte irgendwann einen Gottesbeweis; wohl weil er nicht mehr wusste, wie er diese widerstrebenden Konzepte vereinbaren sollte. 

Der Konflikt ist auch gar nicht auflösbar. Wie die meisten menschlichen Bedürfnisse widersprechen sich der Drang zur Anerkennung der eigenen Leistung und der Wunsch nach sozialer Integration ein wenig: Wenn ich "besser" bin wie der andere, muss der zwangsläufig "schlechter" sein. 

Es gibt zwei Lösungsstrategien für diese Neidsituation: Zum einen kann man als Neider anerkennen, dass der "Reichere" sein Extra tatsächlich durch anerkannte Leistung verdient hat. Das Problem ist das hierfür notwendige Selbstbewusstsein. Um zu dieser Anerkennung zu kommen muss man die eigenen Grenzen anerkennen und sich klar machen, dass manche Errungenschaften eben außerhalb der eigenen Reichweite sind. Das war schon immer nicht leicht und der Tschaka!-Generation Me werden diese Fähigkeiten wohl weitestgehend ausgetrieben. Zum anderen kann man den Neid zu sogenanntem "weißen Neid" umdenken und aus den Errungenschaften des anderen einen Ansporn für sich selbst ziehen. Der amerikanische Traum basiert genau auf dieser Idee. Es mag daran liegen, dass sozialistisches Gedankengut in Europa festere Grundlagen hat, dass die "Wohlstand für alle"-Lüge hier nicht so zieht. Was übrig bleibt, ist oft schwarzer Neid: Missgunst.

"Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen."

Honoré de Balzac

Doch die Alleinschuld dem Neider zu geben ist eine einfache Methode, um sich aus der Affäre zu ziehen. Angebliche Erfolgsmenschen verwenden diese Methode gerne, um ihr aggressives und demütigendes Verhalten gegenüber Kritikern oder Hindernissen zu rechtfertigen: Sie "dürfen dass", denn sie "sind ja wer". "Quot licet Iovi, non licet bovi". Mit Unverständnis, Hass und Aggressionen reagieren sowohl der maligne Narziss als auch der Soziopath auf Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden: "Wie kann er nur, ich bin doch so großartig?" Mit den eigenen Grenzen konfrontiert zu werden, mag der Narziss nicht, das gefährdet sein Selbstbild. Stattdessen gibt er die Schuld lieber jemand anderem und konstruiert seine eigene kleine, jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung (Ping! Godwin's Law).

Ich mag Thomas Mann nicht sonderlich, aber die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" sprechen vom menschlichen "Kroppzeug", dessen genauere Beschreibung man den Lesern ersparen möchte. Wer Parallelen findet, darf sie behalten.

Das ist leider die andere Seite: So manch einer fühlt sich "von Gottes Gnaden" berufen, besser als andere zu sein. Eindeutige Widersprüche gegen diese "Vermutung der eigenen Großartigkeit" müssen dann aber irgendwie kompensiert werden. Es folgt eine ganze Reihe psychopathologischer Syndrome, die am häufigsten in der forensischen Psychiatrie beschrieben werden.

Was hier spielt ist die typische Entwertungsstrategie des Narzissen: "Was mir im Weg ist, was mich stört, ist schlecht (Die Philosophie nennt das naturalistischen Fehlschluss auf unterstem Niveau). "Was mir im Weg ist, muss vernichtet werden". Wehrt sich das Opfer dann gegen die Überschreitung der eigenen Rechte, ergibt sich für den Narziss (oder Soziopathen) dann gleich die Rechtfertigung, gegen diese Person vorzugehen. Die eigene Aggression wird wegargumentiert oder als berechtigte Reaktion wahr genommen ("Ich bin doch toll, Du hast keinen Grund, mich nicht zu mögen. Wenn ich dich angreife, hast Du das verdient!") und nur die Reaktion des anderen gesehen.

Der Neid ist sicherlich nicht der treibende Faktor für die, die sich gegen die Verletzung der eigenen Rechte wehren. Aber durch die Entwertung will der vermeintlich Beneidete den andere diskreditieren. Eigene Fehltritte erkennt der Beneidete nicht an.

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