Sonntag, 17. April 2011

Die schädlichen Täuscher

Du fährst am Montagmorgen auf der Autobahn zur Arbeit. Du bist ein wenig spät dran, aber Du bemühst Dich dennoch um eine ruhige, defensive Fahrweise. In einer geschwindigkeitsbegrenzten Zone überholst Du einen Lastwagen. Durch ein Tempolimit  zieht sich das Überholmanöver etwas hin. Du hängst also eine Weile auf der linken Spur, während der LKW langsam rechts an Dir vorbeiwandert.

Währenddessen nähert nähert sich von hinten sehr schnell ein großer BMW. Bereits noch in geraumem Abstand bestätigt dieser den Blinker links und die Lichthupe. Er rast unvermindert weiter auf Dein Auto zu und bremst erst in sehr kurz vor Deinem schwächeren Fahrzeug ab. Du bist Dir fast sicher, dass die Stoßstangen der Autos nur noch Zentimeter voneinander entfernt sind. Im Rückspiegel erblickst Du das wutentbrannte Gesicht des Fahrers. Von der offensichtlichen Drohgebärde verführt, übernimmt Dein Fluchtinstinkt die Kontrolle und Du trittst aufs Gas, um der bedrohlichen Situation zu entkommen. Viel zu knapp vor dem Lastwagen ziehst Du wieder auf die rechte Spur. Es ist deutlich zu hören, wie der Fahrer des BMWs laut krachend den Gang wechselt und gleich darauf, wie der der kräftige Motor schon auf Höhe Deines linken Ohrs dröhnt. Im Rückspiegel siehst Du den genervt-gelangweilten Blick des LKW-Fahrers, der sich scheinbar den Druck auf die Hupe wegen einem spontanen LMAA-Gefühls verkniffen hat.

Auf dem Restweg zur Arbeit verkocht Deine Adrenalinwolke aber wieder. Deine Meinung über den Fahrer des BMW, der Dich fast von der Straße geschoben hat, ist zwar nicht die beste, aber eigentlich ist Dir Deine Zeit zu schade, um Dich darüber aufzuregen. Wahrscheinlich irgendein gestresster Manager auf dem Weg zu einem Termin, gibt ja genug von diesen überforderten Idioten.  Du selber hast außerdem gleich einen Termin bei Deinem Chef und tatsächlich Wichtigeres im Sinn, als irgendeinen blöden Strassen-Rowdy.

Auf dem Firmenparkplatz fällt Dir auf, dass Dein Chef schon da ist. Sein BMW steht wie immer auf drei Parkplätzen gleichzeitig. Kein Mensch in der Firma hat sich je getraut, darüber jemals ein Wort zu verlieren; schließlich ist er ja der Chef. Dir selber wird aber plötzlich ziemlich flau im Magen. Der BMW, der da mit hitzeknackender Motorhaube quer mitten auf dem Parkplatz steht, ist der Deines Chefs. Und es ist auch dasselbe Fahrzeug, dessen Fahrer sich vor nicht ganz zehn Minuten der Nötigung, der Gefährdung des Straßenverkehrs usw. usf. schuldig gemacht hat.

In dem nachfolgenden Besprechungstermin mit Deinem Chef soll es um ein geplatztes Projekt gehen, aus dem er so viele Resourcen abgezogen hat, dass es in den Graben ging. Im Prinzip kein Problem, denn Prioritätensetzung ist bei der guten Auftragslage zwingend notwendig, und manchmal bleibt eben nicht ganz so Wichtiges auf der Strecke. Du warst daher recht zuversichtlich ob dem Ausgang des Gesprächs. Aber wenn die Laune des Chef so mistig ist, wie es den nach dem gerade Erlebten den Anschein macht, wird das Gespräch vielleicht nicht so glatt über die Bühne gehen.

Du hängst Deine Jacke ins Büro und stellst Deine Tasche neben Deinen Schreibtisch. Dann machst Du Dich direkt auf den Weg ins Vorzimmer des Chefs. Der lässt --etwas altmodisch wie er ist-- Besucher immer von seiner Sekretärin vorführen. Keine zwei Minuten später --und damit eigentlich schon vor dem eigentlichen Termin-- winkt die junge Dame Dich dann auch ins Büro des Chefs durch.

Kaum bist Du in seinem Büro, fängt er an, Dir mit sehr ernster Miene  klar zu machen, dass er Dich für den Fehlschlag des Projekts verantwortlich macht und kanzelt Dich ziemlich ab. Als Knaller stellt er Dir dann in Aussicht, dass Dein --immer noch befristeter-- Vertrag wohl nicht verlängert werden wird. Deine Leistung wäre ungenügend. Das gibt Dir natürlich den Rest.

Im Büro warten Deine Kollegen, darunter auch Deine Projektmitarbeiter. Diese wissen von Deinem Gespräch und wirken sehr zuversichtlich und fröhlich. Der Chef hätte Ihnen am Freitag noch versichert, dass das "alles in Ordnung sei" und "manche Projekte halt nicht so laufen, wie geplant", aber "es klar sei, dass keiner der Mitarbeiter in dem Fall die Verantwortung zu tragen habe".

Du wunderst Dich und beschließt, heute etwas früher nach Hause zu gehen. Die Verwunderung wird noch größer, als Du abends noch einen Anruf bekommst. Ein Kollege: Der Chef war nochmal da und hätte das Team für seine gute Arbeit in Ausnahmesituationen gelobt. Und er hätte gemeint, dass Du uns leider nächstes Jahr verlassen wirst und wie traurig er ist, dass er Dich als guten Mann verliert.

Sechs Monate später arbeitest Du schon bei einer anderen Firma. An einem Messeabend erzählt Dir ein Freund aus der Personalabteilung, dass sie beinahe den Riesenfehler gemacht hätten, Dich trotz Deines hervorragenden Arbeitszeugnisses nicht einzustellen. Dein ehemaliger Chef wäre bei einem Geschäftsessen mit dem Personalleiter ziemlich über Deine Arbeitsleistung hergezogen.

Erschrocken rufst Du in den nächsten Wochen einige ehemaligen Kollegen an, darunter auch einige, die die Firma vor Dir verlassen haben. Es ist nur einer darunter, der nicht als Sündenbock für einen Fehler des Chefs hinausgeworfen wurde. Keiner von den anderen hat einen Weg gefunden, die offensichtlichen Lügengeschichten des Chefs gegen ihn zu verwenden; viele berichten ebenfalls von solchen Dolchstössen in den Rücken. Alle fühlen sich hilflos und waren letztendlich froh, dem Menschen entkommen zu sein.



Die Geschichte ist frei erfunden. Allerdings kann ich jedem, der etwas Ähnliches erlebt, nur raten, sich zu überlegen, was da passiert ist.

Nun, die erste, wichtige Feststellung dürfte sein: Der Chef ist ein verlogenes Arschl^W, Verzeihung, ein astreiner Lügenbaron. Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste gibt er einmal diese und einmal jene Aussage ab ohne sich um die Folgen zu scheren.

Die zweite Feststellung ist vielleicht: Solange alles läuft, wie er sich das vorstellt, ist der Chef ein charmanter, offensichtlich wenig gestresster Mann. Er ist souverän bei Kundengesprächen und weiß, wie man die Einkaufsleute um den Finger wickelt.

Die dritte und wichtigste Feststellung ist aber: Der Chef ist ein Soziopath. Es ist ihm nicht nur völlig egal, was er bei anderen Menschen mit seinen Lügengeschichten und Schuldzuweisungen anrichtet, er empfindet tatsächlich eher gar nichts für andere. Dabei ist er sehr geschickt darin, andere mit oberflächlichem Charme und vorgetäuschter Sorge einzulullen. Aber nie hat einer erlebt, wie er zugegeben hätte, einen Fehler gemacht zu haben. Immer fand sich jemand, der stattdessen schuld war.

Martha Stout stellt solche Personen in ihrem Buch "The Sociopath Next Door" als die perfekten sozialen Parasiten dar. Elegant spielen sie unsere eigenen sozialen Konventionen, unser Mitgefühl, unser moralisches Verständnis gegen uns aus. Für sie sind normal denkende Menschen schwach und dumm; sie haben nicht das Zeug, erfolgreich zu sein und sich durchzusetzen.

Und in der Tat ist es extrem schwer, sich gegen einen Soziopathen durchzusetzen. Er ist ein Meister des "Herauswieselns" und eine  unglaubliche Fähigkeit, andere einzulullen und für sich einzuspannen, zumeist ohne dass sie es merken. Für viele Menschen, die sich von den Lügengeschichten des Angreifers in Sicherheit wiegen lassen, ist das Opfer der Böse, der keine Ruhe geben kann. Den Hinweis auf über Monate hinweg durchgeführte Übergriffe, kleinere Straftaten (Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Belästigung) ignorieren sie gekonnt und folgen der Interpretation des anderen: Kleinigkeiten. Das kann so schockieren, dass man tatsächlich nicht mehr weiß, wie man sich wehren sollte.

Dabei ist das, was an die Oberfläche kommt, natürlich nur die Spitze des Eisbergs. So mancher versteht mit Bauernschläue, sich zu tarnen und selbst als harmlos darzustellen. Als geschähe es nebenbei, werden Personen vor Dir gewarnt, der eigentliche Täter stellt sich selbst als Opfer hin. Die dezent plazierte Lüge oder kleine Straftat dient dazu, das Opfer "klein" zu halten. Denn nichts fürchtet der Täter wohl so sehr, wie die Entdeckung und damit den Verlust seines sozialen Status'. Der Widerspruch ist dabei übrigens, dass der Gegner dabei einerseits klein gehalten, andererseits immer wieder angegriffen und bei anderen schlecht gemacht wird.  Warum sich diese angeblich kleinen Übergriffe über Monate hinweg fortsetzen, wenn ich doch so unwichtig und lächerlich bin, konnte mir bisher keiner zufriedenstellend beantworten. Dieses eigentlich wackelige Lügenkonstrukt versteht der Täter als vielgeübten Balanceakt aufrecht zu erhalten. In der leider erfüllten Hoffnung, dass kaum einer so genau hinschaut und lieber auf den vorgewählten Prügelknaben eindrischt. Derartiges Verhalten ist meiner Ansicht nach tatsächlich soziopathisch.

Und es funktioniert gut. Darauf eingepegelt, mit "normalen" Menschen umzugehen, bemerken wir die Lügengeschichten des Soziopathen nicht. Kaum jemand merkt wirklich, dass sich der Betroffene je nach Gesellschaft, in der er sich befindet, um 180° drehen kann. Martha Stout vermutet die Gründe dafür darin, dass wir uns eine Person ohne Gewissen einfach nicht vorstellen können.

Doch Soziopathen sind so: Aalglatt vertreten sie immer die Meinung, die für sie gerade nützlich ist. Und dabei wirken sie so charmant, gelassen und freundlich, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Bemerkt dann doch jemand das böse Spiel, tut der Soziopath alles, um der Entdeckung zu entgehen. Am besten geht das, indem man den Störenfried möglichst vor allen anderen schlecht macht. Das Böse kommt bei Soziopathen immer von außen, Selbstkritik kennen sie nicht.

Leider unterstützt unsere Gesellschaft Soziopathen eher, als dass sie sie bekämpft. Da ihre Übergriffe meistens nur kleinere Straftaten sind, ist die Justiz oft machtlos. Seine großen Aktionen vertuscht der Soziopath oft mehr oder weniger elegant oder verpackt sie so, dass sie mit geltendem Recht vereinbar sind. Dabei geht er regelmässig bis an die Grenzen des Erlaubten oder nur wenig darüber hinaus. Dieses Geschick ist auch nicht verwunderlich: Weniger geschickte Soziopathen sitzen bereits im Gefängnis.

Gottseidank gibt es einige Anzeichen für Psychopathie:
  • Übermässiges Selbstwertgefühl. Der Psychopath hält sich für etwas besseres. Gottkomplexe sind nicht selten.
  • Oberflächlicher Charme. Der Soziopath wirkt übermässig freundlich, wirft mit Komplimenten um sich. Er ist scheinbar unberührt von den "Kleinigkeiten" des Lebens. "Das Leben ist schön".
  • Übermässige sexuelle Offenheit. Viele Sexualkontakte ohne tiefergehende Bindung zum Partner. Moralische Konzepte werden als überflüssig und gängelnd erachtet.
  • Kritikunfähigkeit und Schuldzuweisungen. Problematische Themen werden vermieden. Fehler werden vertuscht oder andere dafür verantwortlich gemacht. Übergriffe auf andere werden heruntergespielt und die Angriffe von anderen extrem übertrieben und diese abgewertet. Es ist unmöglich, ein Problem direkt anzusprechen, bereits der Versuch wird zuerst durch Ablenken, dann durch direkte Maßnahmen unterbunden. Angriffe erfolgen oft hinterrücks.
  • Starkes Streben nach Macht und Status. Die innere Leere des Soziopathen (der ja nur sich selbst kennt) muss gefüllt werden. Dies geschieht über weltliche Dinge. Der Soziopath ist immer auf der Suche nach "dem Kick", der sein Leben weniger langweilig macht. Dabei wird im Notfall buchstäblich über Leichen gegangen.
Nach Robert Hare sind Soziopathen für viele Fehlschläge in Wirtschaft und Politik verantwortlich zu machen. Andere bedeuten ihm nur so lange etwas, solange er einen Vorteil aus ihnen zieht, allerdings wird man dann wiederum gnadenlos ausgebeutet. Ist man "im Weg", wird gnadenlos niedergemacht. Eine böswillige Unterstellung von mir mag lauten: Ein geschiedener Soziopath wird eher seine Kinder verhungern lassen, als dass er seiner "bösen" Ex-Frau Unterhalt zahlt. Fünf Minuten nach dieser Aussage verspricht er einer jungen Dame, dass er immer für sie da sein wird. Vielleicht bekommt er sie ja so willig. Der Soziopath ist der vollendete Wendehals und man kann ihnen wohl nur aus dem Weg gehen, wenn man sie bemerkt.

Als mitfühlender Mensch sucht man nach dem ebenso denkenden Persönlichkeitsanteil beim Soziopathen. Schließlich hat dieser alle oberflächlichen Anzeichen dafür gezeigt. Für die meisten von uns ist es völlig unverständlich, dass der Soziopath diesen Persönlichkeitsanteil nicht hat. Wir können uns derartige Menschen scheinbar gar nicht vorstellen, bis wir --oft nach längerer Zeit-- merken, dass wir immer wieder ausgetrickst werden und der Soziopath unsere Bedürfnisse und Wünsche nie respektiert. Die Helfertypen von uns wollen den Soziopathen vielleicht sogar bekehren. Doch Soziopathie gilt als nicht heilbar.

Die größte Bösartigkeit, die man einem Psychopathen übrigens antun kann, ist, ein erfülltes Leben umgeben von guten Freunden zu führen. Genau diese hat er nämlich nicht.

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