Dienstag, 4. Januar 2011

Groupthink kills ... auch im Internet

*Das Wort "Gruppendenke" ist für mich eindeutig vorbelastet. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn dieser sozio-dynamische Prozess führt faktisch immer zu Problemen. Der amerikanische Psychologe Irving Janis hat den Begriff "Groupthink" seinerzeit für eine Form von Verhaltensmustern geprägt, die die eigentlich positiven Aspekte von Zusammenarbeit nahezu komplett zunichte machen können.

Hierbei treten nach Irving acht Symptome auf

1) Die Illusion der Unverwundbarkeit.
Hierbei hält sich die Gruppe selbst für die Besten und es herrscht übertriebener, oft ungerechtfertigter Optimismus. Es findet ein starker "risk-shift" statt, die Gruppe erlaubt sich vieles, was sich der einzelne niemals trauen würde und die wahre Tragweite der bestehenden Risiken wird nicht erkannt.


2) Warnungen werden rationalisiert
Warnungen, die problematische Verhaltenstendenzen in der Gruppe anmahnen, werden "wegargumentiert". Ein schönes Beispiel dafür findet sich in Cyril Northcote Parkinsons Buch "Parkinson's Law": In der Geschichte "High Finance" wird ein Kritiker in einer Komitee-Sitzung vom Vorsitzenden so abgekanzelt, dass sich danach keiner mehr traut, die Stimme zu erheben.

3) Blinder Glaube an die Moral der Gruppe
Was die Gruppe tut, wird als richtig angenommen. Mitglieder der Gruppe nehmen eventuelle negative Folgen ihrer Handlungen nicht mehr bewusst wahr. Gemobbt  wird zum Beispiel immer in der Gruppe. Ein hübsches Beispiel: Nach Straftaten eines Alpha-Männchens zur Wahrung der Gruppenharmonie kam auf Kritik dazu von meinem Gruppenmitglied die Aussage "Zu mir war er immer korrekt".

4) Stereotypisierung
Außenstehende, insbesondere solche, die mit den Vorstellungen der Gruppe nicht konform laufen, werden global abgewertet. Hier findet man dann die ganze Bandbreite von argumenta ad hominem, um eventueller Kritik entgegenzuwirken. Nicht-Gruppenmitglieder sind automatisch böse, unmoralisch, dumm und/oder unfähig.

5. Sozialer Druck
Auf Gruppenmitglieder, die das Verhalten der Gruppe in Frage stellen wird sozialer Druck ausgeübt. Es wird Loyalität gegenüber der Gruppe gefordert und Fehlverhalten durch Ausgrenzung oder andere Maßnahmen bestraft.

6. Selbstzensur
Ideen, die von der angeblichen Gruppenmeinung abweichen werden unterdrückt. Kritik wird wenn möglich soweit ignoriert, dass sie nicht ins Bewusstsein der gesamten Gruppe vordringt oder der Kritiker wird aktiv sabotiert.


7. Illusion der Einigkeit
Angst vor Sanktionen oder Desinteresse, bzw. Uninformiertheit führt oft dazu, dass Gruppenmitglieder eine abweichende Meinung für sich behalten. Dieses Schweigen wird dann fälschlicherweise als Zustimmung gewertet. Es entsteht fälschlicherweise die Meinung, die Gruppe würde Entscheidungen gemeinsam tragen.


8. Mind guards
Irving nennt so die selbsternannten Wahrer der Gruppenmeinung. Dies sind oft Individuen mit geringem Selbstbewusstsein, die sich mit einer aktiven Rolle in der Gruppe stärken wollen. Sie sorgen dafür, dass Abweichungen von der Gruppenmeinung möglichst nicht vorkommen, um die Harmonie zu wahren.



... und das Internet macht wieder mal alles viel schlimmer:

In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass Groupthink in Internetforen und -chats gar nicht selten ist. In Chats findet man oft Menschen, die sich dort vor der Realität flüchten, bzw. Entspannung suchen. Treffen häufig dieselben Personen zusammen, bildet sich eine oberflächliche Zweckgemeinschaft. Kritik ist in so einer "Spaßgemeinschaft" natürlich denkbar unerwünscht. Daher habe ich inzwischen schon oft erlebt, wie kritische Außenstehende recht schnell als "böswillige Störer" klassifiziert und entsprechend schlecht behandelt wurden. Das Resultat ist Cyber-Mobbing in Reinkultur. 

Leider sind die sozialen Plattformen auf diese Probleme oft nicht ausreichend vorbereitet. Man konzentriert sich leider vielmals eher auf die technischen Aspekte der Plattform, während die Handhabung von Konflikten zwischen Nutzern ungeschulten, bzw. ungeeigneten Freiwilligen überlassen wird.

Ich kenne mindestens eine Plattform, die aufgrund aus dem Ruder laufender Gruppendynamik der Kernmannschaft zerbrochen ist. Eine weitere Plattform hält sich einen bekannten Straf- und Mobbingtäter in sehr prominenter Helferposition.

Im letzten Jahr sind mir im Internet zwei üble Situationen untergekommen, die starke Züge von Groupthink aufwiesen. In beiden Fällen wurde ein Kritiker von einer losen Internet-Gruppe auf sehr extreme und teilweise auch strafrechtlich relevante Weise angegriffen. In beiden Fällen stand ein Gruppenmitglied unter begründeter Kritik, bzw. hatte ein Außenstehender Differenzen mit einem Gruppenmitglied. In beiden Fällen wurde der Kritiker als Angreifer und Störenfried klassifiziert. Mit hilfloser Faszination habe ich beobachtet wie das zwar oberflächlich charmante, aber offensichtlich verlogenen aggressive vermeintliche Alpha-Männchen den Ton angab, die Situation unnötig am Kochen hielt und seine selbstgewählte Führungsposition in der Gruppe dadurch weiter stärkte. Die Gruppenmitglieder verharmlosen dessen Straftaten, bzw. gaben sich unbeteiligt oder wollten "nur wieder Ihre Ruhe". Dass es sich bei den Betroffenen durchweg um erwachsene Personen handelte, fand ich dabei mehr als nur peinlich. Ein Problembewusstsein existiert hier anscheinend nicht.

Im Gegenzug sahen die Plattformbetreiber dem wilden Treiben nahezu stillschweigend zu, ja distanzierten sich sogar noch von "privaten Streitigkeiten" auf ihrer Plattform, mit denen sie nichts zu tun haben wollten. Dem Gegenüber steht allerdings, dass in beiden Fällen offizielle "Helfer" der Plattform an den üblen Aktionen mit beteiligt waren. Die Plattformbetreiber tolerierten hier also rechtswidriges Verhalten. Dies ging soweit, dass die Betreiber erst durch anwaltliches Darlegen der Rechtslage (Störerhaftung) zum teilweisen Einschreiten gebracht werden konnten. Auch hier scheint das Problembewusstsein, bzw. sogar die Rechtskenntnis der Betroffenen, bzw. Verantwortlichen mehr als unzureichend.

Vielleicht wird es Zeit für rechtliche Richtlinien für die Konflikthandhabung auf sozialen Plattformen ...

1 Kommentar:

  1. Betreffen die o.g. Punkte die interne Gruppensituation, oder sind das Verhaltensweisen einer Gruppe einem außenstehenden, aber nicht fremden Menschen gegenüber?

    Hier muss man doch genau unterscheiden - wenn man von außen an eine feste Gruppe herantritt und merkt, dass Kontakt schwierig ist, kann man diesen Kontakt reduzieren bzw. vermeiden. In jedem Fall "professionell" auf Arbeitsthemen etc. beschränken. Ist man hingegen mit einem oder mehreren Gruppenmitglied/ern privat bekannt und hat über den- oder diejenigen engeren Kontakt zur Gruppe, unterliegt man aus Sicht der Gruppe schnell o.g. Regeln und hat Schwierigkeiten, den Kontakt zu reduzieren.

    Die Frage ist halt immer, in wie weit man Teil einer Gruppe sein möchte/muss und in wie weit eine Gruppe eine Zweckgemeinschaft bleibt. Wo fängt Freundschaft an, wo hört Bekanntschaft auf?

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