Dienstag, 2. November 2010

Bin ich dafür verantwortlich, was der andere versteht?

Wenn ich dasselbe Argument in unterschiedlichen Situationen wiederholt zu hören bekomme, dann stellt sich mir unweigerlich die Frage, wie zutreffend es denn eigentlich ist. Handelt es sich dabei um einen Fehler in meiner eigenen Streitkultur? Findet sich darin ein Fehler in der Diskussionsart des anderen? Ist es ein noch unentdeckter Fehlschluss auf beiden Seiten?

Aufgefallen ist mir in letzter Zeit die Phrase

Ich bin nur dafür verantwortlich, was ich sage, nicht für das, was Du verstehst.

Mir gegenüber wurde sie oft als Retourkutsche verwendet; insbesondere dann, wenn ich eine Aussage meines Gegenübers als verletzend empfunden und dies auch ausgedrückt hatte. Und jedesmal, wenn dieser Satz mir gegenüber fiel, hatte ich das unbewusste Gefühl, dass daran etwas fundamental falsch ist.
Gehen wir also in eine Situation, in der dieser Satz gefallen ist. Zuerst einmal können wir feststellen, dass in der betreffenden Situation so etwas wie Kommunikation zwischen zwei Personen stattfindet: A spricht mit B, bzw. B spricht mit A.


Wir betrachten die Kommunikation zunächst einmal in eine Richtung, die andere Richtung ergibt sich dann einfach als Spiegelung.

Da A nicht einfach an den richtigen Nervenbahnen in Bs Kopf zupfen kann, muss er stattdessen einen mühsamen Umweg gehen. Er muss sich eines physikalischen Mediums befleissigen, um sein Anliegen an den Mann, bzw. die Frau B zu bringen.

Ein Datenkanal über so ein Medium ist letztendlich allerdings immer eine Krücke. Es ist uns oft gar nicht möglich, das was wir denken, beziehungsweise fühlen in eine verständliche Botschaft zu packen. Gerade wenn es sich zum Beispiel um Gefühlsdinge handelt, ringen wir oft nach Worten und insbesondere uns Männern sagt man nach, dass wir unseren Gefühlen schlecht Ausdruck verleihen können.

Die Informatik kennt das Problem zur Genüge in viel verschärfterer Form. Um einen Rechner dazu zu bringen zu tun, was der Mensch will, muss dieser die abstrakten Konzepte in seinem Kopf in für die Maschine verständliche Zeichen und Anweisungen übersetzen. Dieser Vorgang ist enorm kompliziert, da zum Beispiel
  • das menschliche Hirn nur wenig exakte  Informationen speichert, sondern unser Gedächtnisbildungsprozess bevorzugt unwichtige Details automatisch weg lässt.
    Die Maschine hingegen versteht und führt aber Anweisungen nur genau so aus, wie sie gegeben wurden und kann weggelassene Details gar nicht oder nur sehr schlecht automatisch ergänzen.
  • nicht so genau bekannt ist, in welcher Form Wissen in unserem Kopf eigentlich abgebildet wird und auch die Gedächtnisbildung bei jedem von uns wohl leicht unterschiedlich funktioniert.
    Wir müssen unseren Kopf erst gut trainieren, damit er in die Lage versetzt wird, seine Gedanken in "Maschinensprache" umzusetzen.
Im Prinzip ähnelt das Vorgehen hier dem Versuch, einem Steinzeitmenschen die Quantentheorie näher bringen zu wollen, wenn man selbst nur eine vage Idee von derselben hat. Die Informatik nennt das Problem auch die "Semantische Lücke". Beobachtet werden kann sie immer dann, wenn Information von einer Darstellungsform in eine andere Darstellungsform gebracht werden soll.

Ein ähnliches Problem haben wir bei der gesprochenen Kommunikation von A zu B: Zuerst muss A das, was er sagen will in natürliche Sprache fassen. Da er natürlich nicht den gesamten Inhalt seines Kopfes in Richtung B schicken kann (und wahrscheinlich auch nicht will), trifft er zunächst einmal eine Auswahl. Diese Auswahl ist zwangsläufig unvollständig und beruht auf gewissen Annahmen über Bs Vorwissen: So nimmt A wenigstens einmal an, dass er und B dieselbe Sprache sprechen. Oft kommen auch noch andere Annahmen hinzu, zum Beispiel über Bildung und Einstellung von B.
Im Gegenzug hat B das umgekehrte Problem: Sie muss aus den von A erhaltenen, unvollständigen Sätzen wieder ein Stück Information in ihrem eigenen Kopf machen. B hat in ihrem Leben aber andere Erfahrungen gemacht, ihre Einstellungen weichen (wenn auch vielleicht nur leicht) von denen von A ab und das in ihrem Kopf gespeicherte Wissen ist auch anders abgelegt als das Wissen von A.
Geben wir also ein und denselben Satz an A und B, so werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit zwei unterschiedliche Interpretationen des Satzes bekommen. Der Unterschied mag gering sein, aber er ist mit Sicherheit vorhanden.

In dieser Hinsicht kann A vielleicht wirklich nur für das verantwortlich gemacht werden, was er sagt. Aus obigen Gründen muss er allerdings auch zwangsläufig davon ausgehen, dass seine Aussagen missverstanden werden können. Wenn aber nun A darauf beharrt, dass bei wiederholten Kommunikationsfehlern die Schuld bei nur bei B zu suchen ist, weil diese ihn falsch versteht, so ist das dann tatsächlich ein Fehler.

Kommentare:

  1. Das ist das Problem des Konstruktivismus. So, wie jeder Sender eine Botschaft nur so formulieren kann, wie er sie versteht, kann ein Empfänger eine Botschaft nur so verstehen, wie er sie versteht. Das jeweilige Verständnis ist vom anderen grundverschieden. Da hilft nur Toleranz, Inhalte hinnehmen zu können, egal wie sie gemeint sein könnten. Oder ein Empfänger verbessert seine Chancen, eine Botschaft zu verstehen, wie sie gemeint ist, indem er den Sender einschätzt und "einrechnet". Umgekehrt gilt das natürlich ebenso. Leider ist dieses ein Prozess und nicht alle sind bereit, die Zeit zu investieren.

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  2. Hmm ... an den Konstruktivismus hatte ich da nicht nicht mehr gedacht. Man sollte sich wohl immer bewusst sein, dass wir die Welt durch den Zerrspiegel unserer Sinne wahrnehmen. Schade, dass Erich Fromm kein Buch mit dem Titel "Die Kunst, sich selbst nicht so ernst zu nehmen" geschrieben hat.

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  3. Wobei die Wahrnehmung nicht das Problem ist. Das Problem beginnt hinter den Sinnesorganen, bei der Verarbeitung. Manche nennen es "black box" - weil man nicht reinschaun kann, wie du richtig feststellst.

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